Fünf mentale Modelle des Unterrichtens.
Warum verhalten sich Klassen so, wie sie sich verhalten – und was folgt daraus für dich? In ca. 25 Minuten bekommst du die Denkbrille für das ganze Jahr: Alles, was du in den nächsten 35 Modulen trainierst, ist eine Antwort auf eines dieser fünf Modelle.
Dein Weg durch dieses Modul
Drei Rätsel aus deinem Alltag → die fünf Modelle (mit Selbstversuch) → Blitz-Zuordnung → eine Fallanalyse → dein eigener Perspektivwechsel → Quiz → dein erster Action Step.
Welches kennst du schon?
Du unterrichtest jetzt seit einigen Tagen oder Wochen. Mindestens eine dieser drei Situationen kennst du vermutlich schon. Tippe an, was dir bekannt vorkommt (auch mehrere).
Heute bekommst du die Brille, mit der diese Rätsel keine Rätsel mehr sind: fünf Denk-Modelle aus Kapitel 1 des Buchs, mit dem wir dieses Jahr viel arbeiten. Alles, was wir in den nächsten 35 Modulen trainieren, ist eine Antwort auf eines dieser fünf Modelle.
Selbstversuch, bevor wir weiterlesen.
Präg dir diese Zahl 5 Sekunden lang ein. Dann klicke „Verdecken & rückwärts aufsagen".
0‑1‑7‑6‑4‑4‑9‑2‑3‑1‑8
Und jetzt: Sag dein eigenes Geburtsdatum rückwärts auf – im Kopf. Ging das spürbar leichter?
Das Arbeitsgedächtnis ist der Flaschenhals allen Lernens.
Was folgt daraus: Der Unterschied zwischen den beiden Zahlen? Die Telefonnummer musste im Arbeitsgedächtnis jongliert werden – das hat ungefähr vier bis sieben Plätze, mehr nicht. Dein Geburtsdatum liegt im Langzeitgedächtnis und kostet fast nichts. Alles Neue muss durch diesen engen Kanal. Erklärst du und sollen die SuS gleichzeitig mitschreiben, das Arbeitsblatt suchen und die Vokabel von gestern erinnern, ist der Flaschenhals verstopft – nichts kommt im Langzeitgedächtnis an. „Gelernt" heißt nur „im Langzeitgedächtnis angekommen". Das Rätsel „gestern konnten sie es noch" ist damit gelöst: Es war nie im Langzeitgedächtnis – nur kurz im Arbeitsgedächtnis zu Besuch.
Das Modell des Arbeitsgedächtnisses (Modal Memory Model). Klicke auf das Bild für die Vollbildansicht.
Was hast du heute Morgen beim Zähneputzen gedacht?
Wahrscheinlich irgendetwas anderes. Die Routine lief von allein, und dein Denken war frei.
Routinen sind Denk-Befreiung, keine Dressur.
Was folgt daraus: Genau das ist die Funktion von Routinen im Klassenzimmer. Wenn „Wie beginne ich die Stunde, wo kommt mein Heft hin, was tue ich, wenn ich fertig bin" automatisch läuft, ist das Arbeitsgedächtnis – Modell 1! – frei für den Inhalt. Unsere Begrüßungsroutine (alle stehen auf, Gruß, Setzen) ist so eine Routine: eine klare Zäsur, die jedem Gehirn im Raum sagt: Jetzt beginnt etwas anderes. Ob sie diese Funktion erfüllt, hängt aber davon ab, wie sie durchgeführt wird – dazu mehr in Woche 3.
Es klingt banal. Es ist radikal.
Wenn dein Unterrichtseinstieg ein spektakuläres Explosionsvideo war – was erinnern die SuS am nächsten Tag: die Explosion oder die Reaktionsgleichung?
Gelernt wird, was beachtet wird. Punkt.
Was folgt daraus: Nicht das, was du gesagt hast, zählt – sondern das, worüber die Schülerin in diesem Moment nachgedacht hat. War ihre Aufmerksamkeit beim Handy unterm Tisch, hat sie etwas über ihr Handy gelernt. War der Einstieg ein spektakuläres Video, erinnert sie das Video – nicht das Konzept dahinter. Aufmerksamkeit ist die Währung des Klassenzimmers, und du musst sie aktiv lenken – nicht hoffen, dass sie schon richtig liegt.
Warum arbeitet dieselbe Klasse bei einer Kollegin still – und bei dir nicht?
Die bequeme Antwort: Sie ist eben eine Autoritätsperson, du nicht. Die richtige Antwort ist eine andere.
Menschen tun, was die Gruppe tut – meist unbewusst.
Was folgt daraus: In ihrer Stunde herrscht eine andere Norm. Der Schüler, der bei dir reinruft, trifft keine Entscheidung gegen dich – er folgt der Norm „hier ruft man rein". Normen sind mächtiger als jede Regel auf dem Papier, und sie sind unsichtbar – und sie entstehen immer. Die einzige Frage ist, ob absichtlich oder zufällig. Auch der Klassenclown, der im Einzelgespräch klug und freundlich ist, gehört hierher: Vor der Gruppe gelten Gruppengesetze. Fast nie persönlich – zu wissen ist emotional die vielleicht wichtigste Entlastung deines ersten Jahres.
„Erst muss ich die Beziehung aufbauen, dann darf ich Anforderungen stellen."
Klingt plausibel. Ist aber falsch herum – und hier räumen wir mit einem Mythos auf, den viele Quereinsteiger mitbringen.
Vertrauen entsteht durch gelingenden Unterricht – nicht umgekehrt.
Was folgt daraus: Lemov zeigt an hunderten Stunden herausragender Lehrkräfte: Schüler vertrauen Lehrkräften, bei denen sie merken – hier ist Ordnung, hier lerne ich, hier werde ich gesehen, hier kann ich erfolgreich sein. Die Beziehung ist nicht die Vorbedingung guten Unterrichts, sie ist sein Ergebnis. Eine gute Nachricht für dich: Du musst nicht erst „der coole Lehrer" werden. Du musst gut unterrichten – die Beziehung kommt mit.
Die fünf Modelle im Überblick
- Gedächtnis: Arbeitsgedächtnis ist eng, Langzeitgedächtnis ist Macht.
- Gewohnheiten: Routinen beschleunigen Lernen und setzen Denkkapazität frei.
- Aufmerksamkeit: Was Schüler beachten, ist das, was sie lernen.
- Motivation ist sozial: Gruppennormen wirken stärker als Regeln.
- Beziehungsarbeit: Kompetenter Unterricht erzeugt Vertrauen – nicht umgekehrt.
Ordne jede Situation ihrem Modell zu.
Tippe eine oder mehrere Modellnummern an – Mehrfachzuordnungen sind erlaubt und erwünscht. Dann „Auflösung zeigen".
Ein Fallbeispiel mit der Fünf-Modelle-Brille lesen.
Wähle eines der beiden Fallbeispiele und beantworte die drei Leitfragen. Danach kannst du die Auflösungshinweise einblenden.
Eine eigene Situation neu deuten.
Denk an EINE Situation aus deinen ersten Unterrichtswochen, die dich geärgert, verunsichert oder verletzt hat.
Nicht trösten, nicht Ratschläge geben – nur umdeuten. Der emotionale Perspektivwechsel ist der wichtigste Wellbeing-Schutz deines ersten Jahres.
Fünf Fragen, ein Transfer.
Da dies dein erstes Inhaltsmodul ist, entfällt die sonst übliche 30-%-Wiederholungsregel – hier gibt es noch kein Vorwissen aus Vorwochen.
Dein Beobachtungsauftrag für diese Woche.
Woche 1 ist noch keine Technik-Woche – erst sehen lernen, ab Woche 2 handeln. Wähle deinen Action Step.
Deine Notizen (nach jeder beobachteten Stunde 2–3 Stichpunkte)
Exit-Karte (fließt anonymisiert in die Coaching-Planung ein)
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