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Skript Woche 23: „No Opt Out & Right is Right – Anspruch halten

Skript Woche 23: „No Opt Out & Right is Right – Anspruch halten"

60-Minuten-Sitzung · Block 4 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Was tue ich, wenn die Antwort „weiß nicht" lautet – oder nur halb richtig ist?
Kernquellen Lemov T15 (No Opt Out), T16 (Right is Right), T17 (Stretch It), T18 (Format Matters)
Funktion im Jahr Vervollständigt Cold Call zum geschlossenen System: Keine Runde endet ohne Erfolg der Ausgangsperson. Right is Right braucht das Exemplar (W10) als Maßstab; Break It Down (W12) liefert die Hilfe-Grammatik der Schleife; die Kalibrierungs-Übung ist der Kern (gemeinsamer Standard schlägt Einzelurteil). Stretch It ist die eingebaute Differenzierung nach oben (kehrt in W33 wieder).
Lernziele Die TN können:
1. die No-Opt-Out-Schleife in vier Varianten führen (Hinweis / Peer-Antwort / Teilantwort / Verweigerung),
2. halbrichtige Antworten freundlich nachfassen statt aufzurunden (Right is Right, mit Exemplar als Maßstab),
3. Fachsprache einfordern ohne zu entmutigen (Format Matters),
4. richtige Antworten mit Stretch It verlängern.
Sitzungstyp Rollenspiel + Kalibrierung – die Kalibrier-Diskussion über Grenzfälle ist der eigentliche Lerngegenstand.

2. Vorbereitung

Raum: Vierergruppen + Kalibrier-Plenum. Material:


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1), Whiteboards.

Phase 2 · See it: Der Drei-Wörter-Deal (Minute 8–14)

Moderation spielt den Dialog mit einem TN:

L: „Was unterscheidet Wetter von Klima – Jonas?" — J: „Weiß nicht." — L: „Hm. Mia?" — M: [antwortet richtig] — L: „Genau! Weiter im Text."

Auswertung: „Alle zufrieden? Die richtige Antwort ist gefallen, die Stunde läuft. Aber schauen wir auf Jonas: Was hat ER in dieser Szene gelernt? … Dass ‚weiß nicht' funktioniert. Drei Wörter – und er hat für den Rest der Stunde frei. Das ist ein Deal, und ihr habt ihn gerade unterschrieben: Aussteigen kostet nichts. Und Modell 4 sorgt dafür, dass der Deal die Runde macht: Nächste Woche probieren ihn drei weitere. Wohlgemerkt: Jonas ist kein Verweigerer. ‚Weiß nicht' ist meistens die billigste verfügbare Antwort auf eine unangenehme Situation – und sie bleibt nur so billig, wie IHR sie macht. Lemovs Gegenmittel heißt No Opt Out, und die Grundidee passt in einen Satz: Die Runde endet erst, wenn die Ausgangsperson erfolgreich war. Nicht als Strafe – als Versprechen: Bei mir kommt jeder ans Ziel."

Phase 3 · Input (Minute 14–28)

3a · Die Schleife in vier Varianten (Min. 14–20)

„Die Mechanik: Nach dem ‚Weiß nicht' beschafft ihr Hilfe – und kehrt dann ZU JONAS ZURÜCK. Vier Varianten, nach Aufwand sortiert: ​*Variante 1 – Hinweis: Ihr gebt selbst die kleinste Hilfe – das ist wörtlich euer Break It Down aus Woche 12: ‚Denk an die Zeitspanne – worüber reden wir bei Wetter, worüber bei Klima?' Oft reicht das schon.* ​*Variante 2 – Peer liefert, Jonas vollendet: ‚Mia, hilf uns – … Danke. Jonas, jetzt du: Was unterscheidet die beiden?' Jonas wiederholt nicht als Papagei – er formuliert mit eigenen Worten oder wendet an: ‚Und ist ein kalter Juli nun Wetter oder Klima?'* ​*Variante 3 – Teilantwort ausbauen: Kommt statt ‚weiß nicht' ein halber Ansatz, wird ER das Material: ‚Der Anfang stimmt – bau darauf.'* ​*Variante 4 – echte Verweigerung: ‚Kein Bock' ist keine Wissenslücke, sondern ein Block-1-Fall: ruhig, formales Register, Angebot – ‚Ich komme in zwei Minuten zu dir zurück' – und wenn es sich wiederholt: W.I.N. nach der Stunde. Die Schleife bleibt trotzdem offen: Auch der Verweigerer bekommt seine Rückkehr, und sei es die Wiederholung der inzwischen geklärten Antwort.* Und zur häufigsten Sorge – ‚Ist das Zurückkommen nicht bloßstellend?': Umgekehrt. Bloßstellend ist das AUFGEBEN – die stille Botschaft ‚Von dir erwartet hier keiner was'. Das Zurückkommen sagt das Gegenteil, und es ist nebenbei die Mindestform von Abruf, Woche 18: Auch das Wiederholen einer gehörten Antwort ist eine Gedächtnishandlung. Der Ton entscheidet: beiläufig-warm, kein Triumph, kein ‚Na also, geht doch!'"

3b · Right is Right + Format Matters (Min. 20–25)

„Zweite Baustelle: die halb richtige Antwort. Der Reflex – ich kenne ihn, er fühlt sich pädagogisch an – ist das Aufrunden: ‚Jaaa, genau, so ungefähr!' Drei Kosten hat dieser Reflex: Der Schüler speichert die halbe Antwort als ganze. Die Klasse lernt, dass ‚ungefähr' hier der Standard ist. Und in der Klausur rundet niemand auf. Right is Right heißt: freundlich würdigen, präzise nachfassen – ‚Fast. Der erste Teil steht – schärfe den zweiten nach.' Woran messt ihr ‚ganz richtig'? An eurem Exemplar aus Woche 10 – deshalb habt ihr es geschrieben. Drei Prüfsteine: vollständig richtig, nicht ungefähr richtig; die GESTELLTE Frage beantwortet, nicht eine benachbarte; und – dritter Prüfstein mit eigenem Namen – Format Matters: Fachsprache zählt. ‚Das Ding oben wird kleiner' mag inhaltlich stimmen – im Fach heißt es Zähler. Die Einforderung ist freundlich und kurz: ‚Richtig – jetzt in Fachsprache.' Das ist keine Pedanterie: Die Prüfung, das Studium, der Beruf sprechen Fachsprache, und wer sie hier nie sprechen musste, hat sie dort nicht. Ausnahme mit Augenmaß: Beim allerersten Gehversuch in einem neuen Konzept darf die Alltagssprache eine Brücke sein – aber sie bleibt eine Brücke, kein Wohnort."

3c · Stretch It (Min. 25–28)

„Und was passiert nach einer RICHTIGEN Antwort? Der Standard-Reflex: ‚Genau!' – Punkt, weiter. Verschenkt. Stretch It: Die Belohnung für richtig ist eine interessantere Frage. ‚Richtig – woher weißt du das?' ‚Stimmt – und was wäre, wenn X anders wäre?' ‚Genau – ein Gegenbeispiel?' Ihr kennt den Fragenfächer aus Woche 20 – hier ist sein Einsatzort im Plenum. Stretch It ist eure Differenzierung nach oben ohne ein einziges Zusatzblatt: Die Starken bekommen ihre Herausforderung in der laufenden Runde. Und es sendet eine Norm: Bei uns ist ‚richtig' der Anfang des Denkens, nicht sein Ende."

Phase 4 · Name it (Minute 28–32)

Merkformeln: No Opt Out: „Es endet bei dir – mit Erfolg." · Right is Right: Reflexfrage „Würde diese Antwort im Test volle Punkte bekommen?" (Maßstab: Exemplar) · Format Matters: „Richtig – jetzt in Fachsprache." · Stretch It: Auf richtig folgt eine Frage, kein Punkt. — Fingerzeichen-Kalibrierung: 4 Mini-Antworten vorlesen → durchlassen (✓) oder nachfassen (✗)? (Vorgeschmack auf Runde 2.)

Phase 5 · Do it (Minute 32–52)

Runde 1 · Schleifen-Rollenspiel (Min. 32–42)

Vierergruppen, Rollenkarten (Anhang 1.3): Jeder führt zwei Schleifen als Lehrkraft (verschiedene Karten). Beobachter-Checkfragen: Kam die Rückkehr zur Ausgangsperson? War sie mehr als Papageien-Echo (eigene Worte/Anwendung)? Ton beiläufig-warm, kein Triumph? Bei Karte 4 (Verweigerung): ruhig geblieben, Angebot gemacht, Schleife offen gehalten?

Runde 2 · Kalibrierung (Min. 42–52) — das Kernstück

Die 10 Antworten (Anhang 1.2) einzeln per Fingerzeichen bewerten: ✓ durchlassen / ✗ nachfassen. Bei jeder Uneinigkeit: 60 Sekunden Begründungs-Austausch, dann Auflösung durch die Moderation. (Die Diskussion über die Grenzfälle – Nr. 4, 7, 9 – IST das Lernen: Ein Kollegium mit gemeinsamem Right-is-Right-Standard ist mehr wert als zehn Einzelkönner. Moderation sagt das explizit.)

Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)

Standard: „Kein ‚weiß nicht' bleibt diese Woche stehen: Ich beschaffe Hilfe (Hinweis oder Peer) und komme IMMER zur Ausgangsperson zurück – und sei es nur zum Anwenden der inzwischen geklärten Antwort. Abends notiere ich den bemerkenswertesten Rückkehr-Moment."

Alternativen:

  1. Right-is-Right-Woche: eine Woche lang kein Aufrunden – Reflexfrage im Kopf („volle Punkte?"), Nachfass-Formel bereit.
  2. Stretch-It-Woche: jede richtige Antwort in Klasse X bekommt eine Anschlussfrage aus dem Fächer.

Ausblick: „Ihr könnt jetzt Einzelne zum Denken bringen. Nächste Woche skalieren wir auf alle gleichzeitig: Turn and Talk und Everybody Writes – wie aus einer Frage an einen eine Denkaufgabe für achtundzwanzig wird. Mit Stoppuhr, versprochen."

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.


4. Coaching-Woche 23 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Schleife + Stretch-It-Fächer

Die 4 Varianten (Kurzform mit Beispielsätzen, siehe Phase 3a). Rückkehr-Formate: eigene Worte / Anwendungsfrage / Transferbeispiel – nie bloßes Echo erzwingen, wenn mehr möglich ist. Stretch-It-Fächer: Woher weißt du das? · Was wäre wenn …? · Gegenbeispiel? · Geht es auch anders/kürzer? · Wo würde das im Alltag auftauchen? — Fußzeile: „Ton: beiläufig-warm. Kein Triumph."

1.2 Kalibrierungs-Set (10 Antworten; ✓/✗ + Begründung für Moderation)

Kontext je Karte angegeben; Auswahl:

  1. Frage: „Was ist ein Prädikat?" – „Das Verb im Satz." → ✗ nachfassen (unvollständig: mehrteilige Prädikate; „Kern: ja – und wenn zwei Verben da sind?")
  2. „Warum schwimmt Eis?" – „Weil es leichter ist als Wasser." → (Dichte fehlt – Format Matters: „Richtig gedacht – jetzt mit dem Fachwort.")
  3. „Nenne ein Beispiel für erneuerbare Energie." – „Windkraft." → (Frage vollständig beantwortet – Stretch It anbieten: „Woran erkennt man ‚erneuerbar'?")
  4. Grenzfall: „Was besagt der Satz des Pythagoras?" – „a² + b² = c²." → ✗ (diskussionswürdig!) (Formel ohne Geltungsbedingung rechtwinklig + Hypotenusen-Zuordnung = halbe Antwort; DIE Kalibrier-Debatte)
  5. „Wann endete der Zweite Weltkrieg in Europa?" – „1945." → ✓ knapp (Frage beantwortet; Stretch: „Monat? Woran machst du das Ende fest?")
  6. „Was ist eine Metapher?" – „So ein sprachliches Bild halt, wie ‚Meer aus Tränen'." → ✗ Format (Beispiel top, Definition flapsig: „Beispiel perfekt – jetzt die Definition in einem Fachsatz.")
  7. Grenzfall: Frage nach dem Unterschied Wetter/Klima – Antwort erklärt nur Klima, korrekt. → (nur die halbe GESTELLTE Frage – freundlich: „Klima steht. Und Wetter?")
  8. „Übersetze: I have been living here since 2020." – „Ich lebe hier seit 2020." → (korrekt; Stretch: „Warum NICHT ‚ich habe gelebt'?")
  9. Grenzfall: richtige Antwort, erkennbar geraten (Begründung: „Bauchgefühl"). → (W12-Karte K6! „Ergebnis stimmt – jetzt der Weg: Woran hättest du es prüfen können?")
  10. „Was macht der Dativ?" – „Wem-Fall." → ✗ nachfassen (Merkwort ≠ Funktion: „Das Fragewort stimmt – was ZEIGT der Dativ im Satz an?")

1.3 Rollenkarten „Weiß-nicht"-Varianten (Regieanweisungen)


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8, Whiteboards)

  1. Der Cold-Call-Standard – nenne 4 der Bedingungen. (eingeführt+begründet / Frage-Pause-Name / warm / normal-vorhersagbar / nie Disziplinierung / breit streuen)
  2. Warum Frage → Pause → Name? (bis zum Namen denken alle)
  3. Zwei der vier Fehlerkultur-Hebel (W21)? (erwarten+würdigen / eigene Fehler souverän / neutral+zügig inkl. Miene / Lach-Verbot)
  4. Break-It-Down-Stufen (Block 2)? (Hinweis → Beispiel → Regel → erster Schritt → Lösung)
  5. (Anwendung) Dein Cold Call trifft auf Schweigen – deine erste Reaktion nach W22-Stand? (freundlich Hinweis ODER weiterreichen + „ich komme zurück" – heute wird daraus die volle Schleife)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 23 (für SPA/Folgewoche)

F1. Nach der Peer-Antwort zur Ausgangsperson zurückzukehren ist… a) unnötige Wiederholung – die Antwort ist ja gefallen ✗ (Effizienz-Logik) b) der Kern von No Opt Out: Erfolg + Abruf für die Ausgangsperson ✓ c) Bloßstellung des Schwächeren ✗ (DIE Sorge – Empathie-Distraktor) d) nur bei starken Schülern sinnvoll ✗

F2. „Jaaa, so ungefähr, genau!" zu einer halbrichtigen Antwort… a) schützt Motivation und Selbstwert ✗ (fühlt sich pädagogisch an) b) speichert Halbes als Ganzes und senkt den Klassenstandard ✓ c) ist in Sek II angemessen ✗ d) spart wertvolle Zeit ✗

F3. „Das Ding oben wird kleiner" (inhaltlich korrekt). Format Matters heißt: a) Antwort ablehnen – falsch ist falsch ✗ (Härte-Verwechslung) b) würdigen + Fachsprache einfordern: „Richtig – jetzt mit dem Fachwort" ✓ c) durchwinken – Inhalt schlägt Form ✗ (der Alltagskompromiss) d) den Schüler das Fachwort nachschlagen lassen ✗

F4. Die Belohnung für eine richtige Antwort ist… a) präzises Lob und weiter ✗ (teilrichtig – verschenkt den Moment) b) eine interessantere Anschlussfrage (Stretch It) ✓ c) ein Bonuspunkt ✗ d) Ruhe vor dem nächsten Aufruf ✗

F5. „a² + b² = c²" auf die Frage nach dem Satz des Pythagoras ist… a) die perfekte Antwort ✗ (die Kalibrier-Falle!) b) halb – ohne rechtwinklig + Hypotenusen-Zuordnung gilt die Formel nicht ✓ c) falsch ✗ d) Geschmackssache des Lehrers ✗ (genau das soll Kalibrierung beenden)

F6 (Transfer, Freitext): Jonas: „Weiß nicht." Mia liefert die richtige Antwort. Schreibe deine Rückkehr zu Jonas wörtlich – als Anwendungsfrage, nicht als Echo-Befehl. (Muster: „Danke, Mia. Jonas – ein kalter, verregneter Juli: Wetter oder Klima? Und warum?" Bewertungsanker: Anwendung statt Wiederholung, Ton beiläufig.)


Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 23"

  1. Hook (2 Min.): Der Drei-Wörter-Deal als Comic-Sequenz; Frage: „Was hat Jonas gelernt?" (Freitext, dann Auflösung).
  2. See it (4 Min.): Die 4 Schleifen-Varianten als kurze Audio-Dialoge; Aufgabe: Variante identifizieren + Rückkehr-Moment antippen.
  3. Name it (3 Min.): Merkformeln als Karten; ✓/✗-Vorschau mit 4 Mini-Antworten.
  4. Do it – Schleifen-Simulator (8 Min., Engine!): verzweigte Dialoge nach den Rollenkarten R1–R4 (KI-Schülerantworten nach Regieanweisung); Scoring: Rückkehr erfolgt? Format über Echo? Ton-Wahl (Button-Optionen inkl. Triumph-Falle „Na also, geht doch!" mit Feedback); R4 verzweigt zu Block-1-Werkzeugen + W.I.N.-Verweis.
  5. Kalibrierungs-Modul (Kernstück!): Die 10 Antworten einzeln bewerten → nach jeder: eigene Wahl vs. (anonyme) Kohorten-Verteilung vs. Auflösung mit Begründung – der Community-Vergleich macht den Kalibrier-Effekt der Live-Sitzung digital erlebbar; Grenzfälle 4/7/9 mit ausführlicher Begründungskarte.
  6. Stretch-It-Roulette: richtige Antwort erscheint → Fächer-Frage dazu formulieren/wählen.
  7. Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen; F1/F2/F5 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular mit „Rückkehr-Moment des Tages"-Journal.