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Skript Woche 22: „Cold Call & Wait Time – alle denken mit

Skript Woche 22: „Cold Call & Wait Time – alle denken mit"

60-Minuten-Sitzung · Block 4 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Wie sorge ich dafür, dass alle denken – nicht nur die fünf Melder?
Kernquellen Lemov T34 (Cold Call), T33 (Wait Time), T36 (Means of Participation); Ratio-Konzept (Participation × Think)
Funktion im Jahr Das Signatur-Werkzeug von Block 4 – und das am häufigsten falsch eingesetzte. Baut zwingend auf W21 (Fehlerkultur) und Block 1 (warmer Ton) auf. Die Frage-Pause-Name-Sequenz wird Grundgrammatik für W23 (No Opt Out schließt die Schleife) und W24 (Ernte nach Turn and Talk). Die Beteiligungs-Heatmap wird Coaching-Standardwerkzeug (kehrt in W29 als Beziehungs-Heatmap wieder).
Lernziele Die TN können:
1. Cold Call als Kultur einführen (angekündigt, begründet, warm, vorhersagbar-normal),
2. die Sequenz Frage → Pause → Name sauber ausführen und ihre Wirkung begründen,
3. 3–5 Sekunden Wartezeit aushalten und produktiv rahmen,
4. Means of Participation vor jeder Frage ansagen.
Sitzungstyp Sequenz-Drill – die präziseste Mikro-Übung des Jahres (die Pause wird mit der Stoppuhr gemessen).

2. Vorbereitung

Raum: Vierergruppen mit Spielfläche; Stoppuhren (Handys). Material:


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1), Whiteboards.

Phase 2 · Brücke & das stille Abo (Minute 8–13)

Moderationstext: „Verstanden?-Strichlisten: Wer hat sich ertappt – und wie oft am Montag gegen Freitag?" [2 Stimmen, fallende Kurve würdigen.] „Und jetzt eine Rechenaufgabe. Klassische Melde-Stunde, 28 Schüler, ihr stellt eine Frage. Fünf Hände gehen hoch – immer ungefähr dieselben fünf. Ihr nehmt eine dran. Frage an euch: Was tun in diesem Moment die anderen 23? … Eben. Sie haben ein stilles Abo auf Zuschauen – und es ist ein rationales Abo: Wer sich nie meldet, wird nie drangenommen, muss also nie denken. Das ist keine Faulheit, das ist Systemlogik. Lemov beschreibt Beteiligung mit zwei Reglern: Participation Ratio – wie viele sind beteiligt? – und Think Ratio – wie anspruchsvoll ist das Denken? Die Melde-Stunde hat beide Regler unten. Heute kündigen wir das Abo – mit dem meistgefürchteten und meistmissverstandenen Werkzeug des Jahres: Cold Call. Und ich verspreche euch: Richtig gemacht, ist es das Gegenteil von dem, was ihr befürchtet."

Phase 3 · Input (Minute 13–28)

3a · See it: Der Kontrast (Min. 13–18)

Moderation spielt zweimal dieselbe Frage-Situation mit der Gruppe:

Variante A: „Wer kann mir sagen, warum die Weimarer Republik so instabil war? … Ja, [Name des Schnellsten]!" [Latenz unter 1 Sekunde – der Name fällt, bevor jemand anderes denken konnte.]

Variante B: „Gleich möchte ich von jemandem hören – warum war die Weimarer Republik so instabil? Denkt kurz nach; zwei Stichworte im Kopf reichen." [4 Sekunden Stille, ruhiger Blick durch den Raum – dann erst:] „… Cem?"

Auswertung: „Was war in Variante B anders – und zwar für ALLE im Raum, nicht nur für Cem?" [Sammeln: In A denkt nur der Melder; in B mussten alle denken, weil bis zur Namensnennung jeder gemeint sein konnte.] „Das ist der ganze Mechanismus in einer Reihenfolge: Frage → Pause → Name. Die Pause ist die Denkzeit für alle; der Name kommt erst, wenn gedacht wurde. Dreht ihr die Reihenfolge um – ‚Cem, warum war…' – schaltet ihr im selben Moment 27 Gehirne ab: nicht gemeint, nicht zuständig."

3b · Cold Call als Kultur (Min. 18–24)

„Jetzt die Gelingensbedingungen, und sie sind nicht verhandelbar: Erstens: angekündigt und begründet einführen. Cold Call wird nicht heimlich gestartet – er wird der Klasse erklärt: ‚Ich rufe ab jetzt auch ohne Meldung auf. Nicht, um jemanden zu erwischen – sondern weil jede Stimme hier zählt und weil ich wissen will, wie IHR denkt, nicht nur die Schnellsten.' Das Skriptgerüst bekommt ihr gleich, in zwei Tonlagen. Zweitens: warm. Ton und Miene aus Woche 5 und 21 – ein Cold Call klingt wie eine Einladung, nicht wie ein Zugriff. Der Name kommt freundlich, mit Blick, gern mit einem halben Lächeln. Drittens: vorhersagbar-normal. Mehrmals pro Stunde, ab Tag eins, als Alltagsformat – nicht als seltenes Ereignis, das Puls erzeugt. Was normal ist, macht keine Angst; Modell 4, Normen, ihr kennt es. Viertens – die rote Linie: niemals als Disziplinierung. Der Cold Call auf den Träumer, um ihn zu ‚erwischen', ist die häufigste und zerstörerischste Zweckentfremdung: Ihr verwandelt euer Lernwerkzeug in eine Waffe, und die Klasse lernt in einer einzigen Szene: Drankommen ist Strafe. Für Träumer habt ihr die Leiter aus Woche 6 – Stufe 1, Blick und Nähe. Cold Call bleibt sauber. Und fünftens: niedrigschwellig starten. Die ersten Cold Calls sind Meinungsfragen, Einschätzungen, Berichte aus der Partnerarbeit – Fragen ohne Blamage-Risiko. Das Sicherheitsnetz für ‚Weiß nicht' bauen wir nächste Woche ein; bis dahin gilt bei Schweigen: freundlich Hinweis geben oder weiterreichen und zurückkommen – nie stehen lassen, nie bohren."

3c · Wait Time + Means of Participation (Min. 24–28)

„Zwei Verstärker dazu. Wait Time: Nach der Frage drei bis fünf Sekunden Stille aushalten – und das ist schwerer, als es klingt: Die durchschnittliche Lehrer-Wartezeit liegt unter einer Sekunde. Fünf Sekunden fühlen sich im Klassenzimmer an wie eine kleine Ewigkeit; genau deshalb üben wir sie heute mit der Stoppuhr. Und rahmt die Stille produktiv: ‚Ich sehe, einige notieren Stichworte – gut so.' Die Stille ist kein Loch, sie ist Arbeitszeit. Und Means of Participation: Sagt VOR der Frage an, WIE geantwortet wird – ‚Gleich per Cold Call' / ‚Diesmal Meldung' / ‚Auf die Boards' / ‚Erst mit dem Partner'. Der ewige Reinruf-Kampf ist zur Hälfte ein Klarheitsproblem: Wer nicht weiß, welcher Kanal offen ist, nimmt irgendeinen. Die Ansage schließt die falschen Kanäle, bevor sie benutzt werden."

Phase 4 · Name it (Minute 28–32)

Cold-Call-Standard (Handout A): eingeführt & begründet · Frage → Pause (3–5 Sek.) → Name · warm in Ton und Miene · vorhersagbar-normal (mehrmals pro Stunde) · NIE als Disziplinierung · breit streuen (Heatmap!). Wait-Time-Standard: 3–5 Sek., still, Blick kreist, produktiv gerahmt. MoP-Regel: Kanal-Ansage VOR der Frage. Merksatz: „Erst denken alle – dann fällt ein Name."

Phase 5 · Do it (Minute 32–52)

Runde 1 · Einführungsskript (Min. 32–39)

Einzelarbeit: das eigene Einführungsskript wörtlich schreiben (Vorlage Anhang 1.1; Sek-II-Kurse nutzen die erwachsene Tonlage). Tandem-Check: Kommt die Begründung VOR der Ansage der Neuerung? Klingt es nach Einladung?

Runde 2 · Sequenz-Drill mit Stoppuhr (Min. 39–52)

Vierergruppen: Rollen Lehrkraft / 2 Klasse / Stoppuhr-Wächter. Jeder führt 3 Cold-Call-Zyklen mit echten Fachfragen-Kärtchen durch; der Wächter misst die Pause – unter 3 Sekunden: Zyklus wird wiederholt (die harte Regel ist der Trainingseffekt; das Aushalten wird körperlich gelernt). Runde 2 pro Person mit einer Störkarte D (Anhang 1.2). Feedback-Fokus: Pause gehalten? Ton warm? Reihenfolge sauber (kein Name vor der Frage)?

Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)

Standard: „Ich führe Cold Call in Klasse X mit meinem Skript ein und setze ab dann mindestens fünf warme Cold Calls pro Stunde nach Frage-Pause-Name. Die Pause zähle ich innerlich: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig."

Alternativen:

  1. für fragile Klassenkultur (Coach-Absprache!): erst eine Woche Means of Participation konsequent vor jeder Frage – Cold-Call-Start dann in W23.
  2. Wait-Time-Solo: eine Woche lang JEDE Frage (auch an Melder) mit 3–5 Sek. Pause – Beobachtung: Wie verändern sich die Antworten?

Ausblick: „Eine Frage ist heute offen geblieben: Was, wenn die Antwort ‚Weiß nicht' lautet – oder nur halb richtig ist? Nächste Woche bekommt Cold Call sein Sicherheitsnetz und seinen Anspruch: No Opt Out und Right is Right. Danach endet keine Runde mehr ohne Erfolg."

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.


4. Coaching-Woche 22 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Standard + Einführungsskripte

Muster Sek I: „Ab heute ändere ich etwas: Ich rufe auch ohne Meldung auf. Nicht, um jemanden zu erwischen – sondern aus zwei Gründen: Erstens zählt hier jede Stimme, nicht nur die schnellste. Zweitens will ich wissen, wie IHR denkt – alle. Damit das fair ist: Ihr bekommt nach jeder Frage Denkzeit, und ‚Ich bin noch nicht sicher' ist eine erlaubte Antwort – dann helfen wir weiter und kommen zu dir zurück. Probieren wir es: [einfache Meinungsfrage] … [Pause] … Lena?" Tonlage Sek II: „Ich werde in diesem Kurs regelmäßig ohne Meldung aufrufen – so, wie in jeder guten Besprechung Beiträge auch aktiv eingeholt werden. Der Grund: Die Qualität unserer Diskussion hängt davon ab, dass mehr als vier Stimmen tragen. Sie bekommen Denkzeit; Unfertiges ist ausdrücklich zugelassen – Denken in Entwürfen gehört dazu." Blanko-Felder: Meine Begründung (2 Sätze): … | Mein Fairness-Zusatz: … | Meine erste niedrigschwellige Frage: …

1.2 Störkarten-Set D (Regieanweisungen)

1.3 Sitzplan-Heatmap-Blanko

Sitzplan-Raster + Legende: ○ Cold Call · ● Meldung · Strichdichte = Häufigkeit. Auswertungszeilen: „Kalte Zonen: … / Muster (Geschlecht/Sitzposition/Leistung): … / Meine 2 Ziel-Zonen nächste Woche: …"


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8, Whiteboards)

  1. Die Ersetzungs-Regel (W21)? (Selbstauskunft → prüfbare Mini-Aufgabe)
  2. Der Fehlerreaktions-Dreiklang? (neutral benennen → Ursache würdigen → nutzen)
  3. Warum liefert „Alle verstanden?" nichts – zwei Gründe? (soziale Kosten; Dunning-Kruger)
  4. Die All-Response-Formate aus Block 2? (Whiteboards, Fingercodes/Abfrage an alle)
  5. (Anwendung) Skizziere ein Plan-for-Error für „Kommasetzung bei weil" – ein wahrscheinlicher Fehler + Reaktion. (z. B. Komma nach Gefühl/Atempause statt vor der Konjunktion → Dreiklang + Verb-Suchregel als Hinweis)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 22 (für SPA/Folgewoche)

F1. Cold Call auf den Schüler, der gerade aus dem Fenster träumt, ist… a) effizient – weckt und diszipliniert zugleich ✗ (DIE Zweckentfremdung – fühlt sich clever an) b) Kulturzerstörung: Das Lernwerkzeug wird zur Waffe; für Träumer gibt es Stufe 1 der Leiter ✓ c) verboten ✗ d) nur in Sek I in Ordnung ✗

F2. Die richtige Reihenfolge: a) Name → Frage → Pause ✗ (das Alltagsmuster – schaltet 27 Gehirne ab) b) Frage → Pause → Name ✓ c) Frage → Name → Pause ✗ d) egal, Hauptsache freundlich ✗

F3. Fünf Sekunden Stille nach deiner Frage sind… a) peinlich und ein Zeichen einer schlechten Frage ✗ (das Lehrer-Bauchgefühl) b) Denkzeit – auszuhalten und produktiv zu rahmen ✓ c) Zeitverschwendung bei 45-Minuten-Stunden ✗ d) nur bei schweren Fragen nötig ✗

F4. Cold Call wird eingeführt… a) unangekündigt – sonst verliert er die Wirkung ✗ (Überraschungs-Logik) b) explizit, mit Begründung und Fairness-Zusagen ✓ c) nur nach Elterninformation ✗ d) gar nicht – er ergibt sich ✗

F5. Ein Schüler ruft die Antwort rein, während Cem aufgerufen ist. Du… a) nimmst die richtige Antwort dankbar auf – Hauptsache Inhalt ✗ (belohnt den Reinruf) b) gibst ruhig zurück: „Die Frage lag bei Cem – Cem?" ✓ c) ermahnst den Reinrufer scharf ✗ (Overkill – MoP nachschärfen genügt) d) stellst eine neue Frage ✗

F6 (Transfer, Freitext): Schreibe dein Cold-Call-Einführungsskript für deine schwierigste Klasse: Begründung (2 Sätze), Fairness-Zusatz, erste niedrigschwellige Frage. (Bewertungsanker: Begründung vor Neuerung; Einladungston; „unsicher ist erlaubt"-Zusage; risikofreie Erstfrage.)


Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 22"

  1. Hook (2 Min.): „Das stille Abo": animierte Klasse, 5 Hände, 23 ausgegraute Köpfe mit Abo-Etikett; Regler Participation/Think Ratio zum Schieben.
  2. See it (4 Min.): Variante A/B als Audio mit sichtbarer Zeitleiste (Namens-Zeitpunkt markiert); Aufgabe: „In welcher Sekunde hörten 27 Gehirne auf zu arbeiten?"
  3. Name it (3 Min.): Standard-Karten; Reihenfolge-Puzzle (Frage/Pause/Name); rote-Linie-Karte (nie Disziplinierung) prominent.
  4. Do it – Sequenztrainer mit Mikrofon/Timer (8 Min., Engine!): App zeigt Fachfrage → Nutzer spricht sie ein → hält die Pause (App misst still mit!) → spricht den Namen; unter 3 Sek. = Wiederholung mit ermutigendem Feedback („Die Ewigkeit ist Training"). Alternativ ohne Mikro: Halte-den-Button-gedrückt-Spiel mit Zeitgefühl-Kalibrierung.
  5. Störfall-Simulator: D1–D3 als Entscheidungsbäume; D1 endet mit Cliffhanger auf Modul 23 („Das volle Sicherheitsnetz: nächstes Modul").
  6. Heatmap-Selbsttool: digitaler Sitzplan zum Selbst-Tracken einer eigenen Stunde (Aufrufe antippen) → Zonen-Auswertung; verzahnt mit dem Coach-Bogen.
  7. Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen; F1/F2/F3 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular mit „5 warme Cold Calls"-Tageszähler + Einführungsskript-Export ins Playbook.