Skript Woche 16: „Kognitive Last managen – Information & Kommunikation verschlanken"
60-Minuten-Sitzung · Block 3 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II
1. Überblick
| Leitfrage | Wie halte ich den Denk-Kanal frei für das, worauf es ankommt? |
| Kernquellen | McCrea, Memorable Teaching („Manage information", „Streamline communication", „Regulate load"); Cognitive-Load-Theorie (Sweller); Lemov T22 (Board = Paper, Bezug) |
| Funktion im Jahr | Operationalisiert den WM-Flaschenhals aus W15 zum Material- und Kommunikations-Handwerk. Liefert die wissenschaftliche Begründung für W11-Regeln (Stifte weg = Split Attention) und W13-Startbedingungen (Aufgabe schriftlich = Transienz). Die Entschlackungs-Checkliste wird Dauerwerkzeug für jede Material-Erstellung (W33 Packet, W34 Arbeitsblätter). |
| Lernziele | Die TN können: 1. intrinsische von lästiger Last unterscheiden (schwer darf die Aufgabe sein – nicht der Weg), 2. die drei großen Last-Fresser erkennen (Split Attention, Redundanz, Transienz), 3. Dual Coding korrekt einsetzen (Bild + gesprochenes Wort statt Bild + Textwüste + Rede), 4. eigenes Material mit der Checkliste operieren. |
| Sitzungstyp | Werkstatt-Sitzung: Selbsterleben → Theorie → Chirurgie am eigenen Material. |
2. Vorbereitung
Raum: Vierergruppen, Laptops/Tablets der TN falls verfügbar (sonst Papier-OP). Vorab-Auftrag (W15-Exit-Karte): eigenen Foliensatz oder ein selbst erstelltes Arbeitsblatt mitbringen – ausdrücklich das „schlimmste" Exemplar.
Material (Checkliste):
- Retrieval-Quiz liegt aus
- Die Horror-Folie + ihre entschlackte Zwillingsfolie (Anhang 1.1 – vorbereiten!)
- Handout A: Entschlackungs-Checkliste (Anhang 1.2)
- Handout B: Dual-Coding-Beispielgalerie, 3 Paare (Anhang 1.3)
- 3 Verständnisfragen zur Horror-Folie (auf Folie 2 versteckt)
3. Ablauf im Detail (60 Minuten)
Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.
Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1), Whiteboards.
Phase 2 · See it: Der Anschlag auf euer Arbeitsgedächtnis (Minute 8–16)
Der Doppel-Versuch (Herzstück – Regie exakt einhalten):
Durchgang 1: Moderation präsentiert 90 Sekunden mit der Horror-Folie (Anhang 1.1): dichter Fließtext + Diagramm + drei Aufzählungsebenen; die Moderation LIEST den Text wörtlich vor und streut zusätzlich mündliche Zusatzinfos ein, die NICHT auf der Folie stehen. Danach Folie weg, drei Verständnisfragen auf die Boards. [Ergebnis: mager – und zwar bei einem Raum voller motivierter Erwachsener.]
Durchgang 2: Derselbe Inhalt, entschlackte Zwillingsfolie: EIN beschriftetes Schaubild, kein Fließtext; Moderation spricht frei dazu. Danach drei parallele Verständnisfragen. [Ergebnis: deutlich besser.]
Auswertung: „Haltet den Moment fest: Ihr seid hochmotivierte Profis, der Inhalt war identisch, die Zeit war identisch – und trotzdem dieser Unterschied. In Durchgang 1 habe ich drei Anschläge auf euer Arbeitsgedächtnis verübt: Ihr solltet LESEN, während ich etwas ANDERES sagte – zwei Sprachkanäle im Wettstreit. Ich habe VORGELESEN, was ihr schneller selbst lest – doppelte Verarbeitung derselben Information. Und die Zusatzinfos kamen nur mündlich – kaum gesagt, schon verweht. Eure Schüler erleben das täglich. Der Unterschied: Sie können nicht benennen, warum sie aussteigen – sie steigen einfach aus. Und der Beobachter notiert dann: unkonzentriert."
Phase 3 · Input: Die Theorie zur Erfahrung (Minute 16–27)
3a · Gute Last, schlechte Last (Min. 16–20)
„Zuerst die wichtigste Unterscheidung, damit niemand das Falsche mitnimmt: Es geht NICHT darum, Unterricht leicht zu machen. Intrinsische Last – die Schwierigkeit der Sache selbst – ist erwünscht: Denken soll stattfinden, Anstrengung ist der Stoff, aus dem Lernen ist. Was wir bekämpfen, ist die lästige Last: alles Drumherum, das Kapazität frisst, ohne Lernen zu erzeugen – das Suchen auf der überladenen Folie, das Entziffern der Anweisung, der Wettstreit der Kanäle. Die Formel der Woche: Schwere Inhalte, schlanker Weg. Wer beides senkt, langweilt. Wer beides hochfährt, überfordert. Die Kunst ist die Schere."
3b · Die drei großen Fresser (Min. 20–24)
„Fresser eins: Split Attention – zwei Informationsquellen konkurrieren um denselben Kanal. Der Klassiker: Text auf der Folie lesen, während die Lehrkraft anderes erzählt. Oder – Woche 11 lässt grüßen – mitschreiben, während erklärt wird. Ihr habt die Stifte-weg-Regel damals auf Zuruf geglaubt; heute wisst ihr, warum sie stimmt. Fresser zwei: Redundanz – dieselbe Information doppelt verarbeitet. Folientext wörtlich vorlesen fühlt sich wie Service an und ist das Gegenteil: Das Gehirn liest UND hört UND vergleicht beide Ströme. Regel: Was steht, wird nicht vorgelesen – was gesagt wird, muss nicht auch noch dastehen. Fresser drei: Transienz – Gesprochenes verschwindet. Eine dreischrittige Anweisung, nur mündlich gegeben, ist für die Hälfte der Klasse nach Schritt eins Geschichte. Deshalb eure W13-Startbedingung ‚Aufgabe schriftlich' – und deshalb die Regel: Wichtiges bleibt stehen. Kernschritte an der Tafel, bis Stundenende. Lemov nennt das Prinzip Board = Paper: Was an der Tafel steht, ist das Modell dessen, was im Heft stehen soll."
3c · Dual Coding, richtig verstanden (Min. 24–27)
*„Und die starke Kombination? Bild plus gesprochenes Wort – zwei verschiedene Kanäle, die sich ergänzen statt konkurrieren: Das Auge hält das Schaubild, das Ohr bekommt die Erklärung. DAS ist Dual Coding. Was Dual Coding NICHT ist: Bild plus Textwüste plus Rede – das ist Stau auf allen Spuren. Und Dekoration – das animierte Männchen, das Zufalls-Clipart – ist keine Auflockerung, sondern ein Aufmerksamkeits-Dieb; wohin die Denkspur dann läuft, klärt nächste Woche im Detail. Kurzregel für jede Folie: Ein Gedanke. Ein Träger – Bild ODER Text. Der Rest kommt aus eurem Mund."*
Phase 4 · Name it (Minute 27–31)
Entschlackungs-Checkliste (Handout A) durchgehen: ☐ Ein Gedanke pro Folie? ☐ Träger gewählt: Bild ODER Text? ☐ Nichts vorlesen, was steht? ☐ Anweisungen ab 2 Schritten schriftlich? ☐ Kernschritte bleiben stehen (Board = Paper)? ☐ Dekoration raus? — Merksatz: „Schwer darf die Sache sein – nicht der Weg zu ihr."
Fingerzeichen-Kalibrierung (2 Min.): 4 Mini-Beschreibungen → welcher Fresser? (z. B. „Lehrkraft diktiert die Hausaufgabe in den Packlärm" → Transienz + W8-Echo.)
Phase 5 · Do it: Folien-/Material-Chirurgie (Minute 31–52)
Runde 1 · Operation am eigenen Material (Min. 31–45)
Jeder operiert 2 eigene Folien bzw. ein Arbeitsblatt nach Checkliste – real (am Gerät) oder als Papier-Markup (streichen/skizzieren). Moderation zirkuliert mit den zwei Standard-Interventionen: „Welcher GEDANKE ist das? Dann darf nur er bleiben." und „Das hier – sagst du es, oder steht es? Beides geht nicht."
Runde 2 · Vorher/Nachher-Review (Min. 45–52)
Tandem-Review: Partner sieht NUR die Nachher-Version und beantwortet: „Was ist der eine Gedanke?" (Wenn er ihn nicht in 5 Sekunden nennen kann: weiter operieren.) Danach zeigen 2 TN ihre dramatischste Verwandlung am Beamer – Applaus ist erlaubt; die Vorher-Folie erntet das befreiende Gelächter des Wiedererkennens.
Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)
Standard: „Ich überarbeite den Foliensatz meiner nächsten neuen Einheit nach der Checkliste – und halte in JEDER Stunde dieser Woche die Vorlese-Nulldiät: Nichts vorlesen, was die Klasse sieht."
Alternativen:
- Tafel-Disziplin: Kernschritte jeder Erklärung bleiben bis Stundenende stehen (Board = Paper).
- Anweisungs-Verschriftlichung: jede Anweisung ab 2 Schritten steht schriftlich (Folie/Tafel/Blatt) – Transienz-Woche.
Ausblick: „Der Kanal ist jetzt frei – nächste Woche geht es darum, WOHIN wir ihn lenken: Aufmerksamkeit präzise ausrichten. Mit einem Experiment, das euch zeigt, wie eigenwillig eure eigene Aufmerksamkeit ist. Und mit der Antwort auf Fall 2 von letzter Woche: dem Filmeinstiegs-Problem."
Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.
4. Coaching-Woche 16 (Handreichung)
- Format-Besonderheit: Material-Sichtung VOR der Hospitation (TN schickt den Foliensatz der Stunde) – Coach legt die Checkliste an, zeigt sie aber erst im Gespräch.
- Hospitationsfokus: Blickrichtungs-Stichproben: Wohin schauen die SuS während der Erklärung (Folie? Lehrkraft? Heft? – dreimal je 10 Sekunden zählen)? Vorlese-Momente protokollieren; verschwundene mündliche Anweisungen notieren (woran erkennbar: Rückfragen „Was sollten wir nochmal?").
- Auswertungsgespräch: Erst die Rückfragen-Liste zeigen (Transienz-Beweis aus der eigenen Stunde überzeugt mehr als jede Folie), dann gemeinsam 2 Folien der NÄCHSTEN Stunde operieren.
- Red Flag: TN mit extrem hohem Material-Perfektionismus (stundenlange Folienbastelei) → Vorgriff auf W32: Die Checkliste SPART Zeit – weniger Folie ist schneller gebaut; ggf. Zeitbudget vereinbaren.
Anhang 1: Übungsmaterial
1.1 Die Horror-Folie + Zwilling (Bauanleitung)
Inhalt (neutral, fachfremd fair): „Der Wasserkreislauf". Horror-Version: 11 Zeilen Fließtext (Verdunstung, Kondensation, Niederschlag, Abfluss – verschachtelt formuliert) + kleines Kreislauf-Diagramm rechts unten + 3 Bullet-Ebenen mit Sonderfällen + Clipart-Sonne mit Sonnenbrille. Moderation liest den Text vor UND ergänzt mündlich zwei Zahlen (Verdunstungsanteil Ozeane ~86 %, Verweildauer Atmosphäre ~9 Tage), die nirgends stehen. Fragen danach:
- Welche vier Stationen nennt der Kreislauf?
- Wie hoch ist der Ozean-Anteil an der Verdunstung?
- Wie lange bleibt Wasser durchschnittlich in der Atmosphäre?
Zwilling: Nur das groß gezeichnete Kreislauf-Diagramm mit 4 beschrifteten Stationen; die zwei Zahlen stehen als einzige Textelemente an den passenden Pfeilen; Moderation spricht frei. Parallele Fragen: identisch.
1.2 Handout A: Entschlackungs-Checkliste — siehe Phase 4 (sechs Prüfpunkte + Merksatz; Fußzeile: „Die Schere: intrinsisch hoch, lästig runter").
1.3 Handout B: Dual-Coding-Galerie (3 Paare)
Paar 1 (Geografie): Karte mit gesprochener Erläuterung ✓ vs. Karte + Fließtext daneben + Rede ✗. Paar 2 (NaWi): Versuchsskizze mit nummerierten Schritten, mündlich erklärt ✓ vs. Foto + Textspalte + Vorlesen ✗. Paar 3 (Sprachen/Geschichte): Zeitstrahl mit 5 Markern, frei erzählt ✓ vs. Zeitstrahl + Stichpunkt-Wolke + Zusatzanimationen ✗. — Je Paar eine Zeile: „Welcher Fresser wurde vermieden/begangen?"
Anhang 2: Quiz-Material
Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8, Whiteboards)
- Das Diagnose-Raster – die drei Fragen? (WM überlastet? / nie im LZG–kein Abruf? / Denkspur woandershin?)
- Willinghams Satz wörtlich? („Erinnert wird, worüber nachgedacht wurde.")
- Was ist ein Schema – und was leistet es fürs Arbeitsgedächtnis? (vernetztes Vorwissen; chunkt Elemente, erweitert faktisch die Kapazität)
- Der Exit-Ticket-Gütecheck (Block 2)? (Meilenstein / 3–5 Min. allein / schriftlich alle / Auswertung ≤10 Min.)
- (Anwendung) Widerlege die Lernpyramide in zwei Sätzen – mit wahrem Kern. (Zahlen erfunden, keine Quelle; wahrer Kern: aktive Verarbeitung schlägt passive – aber nicht in Prozent-Etagen.)
Teil 2: Modul-Quiz Woche 16 (für SPA/Folgewoche)
F1. Folientext wörtlich vorlesen ist… a) barrierefrei und hilfreich für Schwache ✗ (klingt fürsorglich!) b) Redundanz – doppelte Verarbeitung, weniger Verstehen ✓ c) Pflicht bei Fachtexten ✗ d) egal, solange langsam gelesen wird ✗
F2. Deine Aufgabe soll anspruchsvoll bleiben. Du senkst deshalb… a) die intrinsische Last – Erfolgserlebnisse zählen ✗ (verwechselt die Lasten) b) die lästige Last: Layout, Parallelkanäle, Suchaufwand ✓ c) beides gleichmäßig ✗ (klingt ausgewogen!) d) nichts – Anstrengung härtet ab ✗
F3. Die Hausaufgabe wird mündlich in den Packlärm gerufen. Hauptproblem: a) Unhöflichkeit ✗ b) Transienz (+ W8-Endchaos): Gesprochenes verweht – Wichtiges muss stehen ✓ c) zu leise ✗ (teilrichtig – trifft den Mechanismus nicht) d) keins, machen alle so ✗
F4. Dual Coding heißt: a) Bild + Textwüste + Rede – dreifach hält besser ✗ (die verbreitete Praxis!) b) Bild + gesprochenes Wort – zwei Kanäle, die sich ergänzen ✓ c) alles doppelt erklären ✗ d) Videos statt Texte ✗
F5. Das animierte Deko-Männchen auf der Folie… a) lockert auf und motiviert ✗ (DER Glaube) b) stiehlt Denkspur – Dekoration ist lästige Last ✓ c) hilft visuellen Lerntypen ✗ (Doppel-Mythos!) d) ist Geschmackssache ✗
F6 (Transfer, Freitext): Operiere die Horror-Folie (Anhang 1.1) in drei Schritten: Was fliegt raus, was bleibt, was wandert in deinen Mund? (Muster: Fließtext raus → Diagramm groß als einziger Träger; die zwei Zahlen als Beschriftung AN die Pfeile (Transienz-Schutz); Erklärung + Sonderfälle mündlich; Clipart-Sonne entsorgen.)
Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 16"
- Hook (3 Min., Selbsterleben!): Der Doppel-Versuch digital: Horror-Folie 60 Sek. mit Vorlese-Audio → 3 Quizfragen → Zwilling 60 Sek. mit freiem Audio → 3 Parallelfragen → Ergebnisvergleich als persönliche Balkengrafik. („Dein eigenes WM hat gerade ausgesagt.")
- See it (3 Min.): Die drei Fresser als animierte Kanal-Grafik (zwei Ströme kollidieren / doppelter Strom / verwehender Strom).
- Name it (3 Min.): Checkliste als Karten; Fresser-Zuordnung: 6 Unterrichtsmomente → Split/Redundanz/Transienz.
- Do it – Folien-Makeover-Spiel (8 Min., Engine!): Überladene Beispielfolie → Elemente antippen: behalten / streichen / „in den Mund" (wird zu Sprechtext) / „an die Tafel" (bleibt stehen) → App rendert die entschlackte Version + bewertet gegen Musterlösung; 3 Level (NaWi/Sprache/Gesellschaft); danach: eigenes Material als Foto hochladen und mit geführter Checkliste selbst operieren.
- Dual-Coding-Galerie: die 3 Paare als Vergleichs-Swipes mit Fresser-Benennung.
- Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen; F1/F5 sind Langzeit-Anker (beide fühlen sich im Alltag „richtig" an!). Abschluss: Action-Step-Formular „Vorlese-Nulldiät" mit Ehrlichkeits-Strichliste („heute ertappt: __×").