Skript Woche 13: „Selbstständiges Üben & aktives Monitoring – das You do"
60-Minuten-Sitzung · Block 2 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II
1. Überblick
| Leitfrage | Was tue ich eigentlich, während die Klasse arbeitet? |
| Kernquellen | Lovell/Dowley, Routine 9 (Independent Practice); Lemov T25 (Circulate), T9 (Active Observation); Rosenshine P9 |
| Funktion im Jahr | Vervollständigt I–We–You. Verwandelt die Stillarbeit vom „toten Winkel" der Stunde in die Datenerhebungs-Phase: ActiveObs liefert den Rohstoff für Reteaching (W26) und Whole-Class-Feedback (W34); die Route verbindet sich mit dem Radar aus W6. Gruppenhospitation 2 wird vorbereitet (Fokus I do / We do). |
| Lernziele | Die TN können: 1. eine Stillarbeitsphase mit vollständigen Startbedingungen eröffnen, 2. mit geplanter Route zirkulieren und dabei Arbeit LESEN statt nur Ruhe überwachen, 3. per ActiveObs vorab festlegen, was sie bei wem prüfen, 4. Einzelhilfen kurz halten und wiederkehrende Fehler zur Sammelklärung bündeln. |
| Sitzungstyp | Planungs- und Analysewerkstatt mit Video-/Fallarbeit; das Rollenspiel pausiert – dafür wird am eigenen Sitzplan gearbeitet. |
2. Vorbereitung
Raum: Vierergruppen; Beamer für Videoclip. Vorab-Auftrag (W12-Exit-Karte): eigenen Sitzplan der Hauptklasse mitbringen (Kopie/Foto).
Material (Checkliste):
- Retrieval-Quiz liegt aus (wieder auf Whiteboards – ab jetzt Standard!)
- Handout A: Startbedingungen-Karte + You-do-Standard (Anhang 1.1)
- Handout B: ActiveObs-Bogen (Anhang 1.2)
- Videoclip: 3–4 Min. Circulate-Beispiel (alternativ: Laufweg-Fallkarte, Anhang 1.3)
- Beobachtungsbogen Gruppenhospitation 2 (Anhang 3)
3. Ablauf im Detail (60 Minuten)
Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.
Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1), Whiteboards.
Phase 2 · Brücke & Provokation (Minute 8–13)
Moderationstext: „Verrats-Fasten und 80 %-Checks: Wer hat vor der Stillarbeit gemessen – und was kam raus?" [2 Stimmen.] „Und jetzt eine ehrliche Frage, anonym, auf die Boards: Was habt ihr in eurer letzten Stillarbeitsphase überwiegend getan? A: korrigiert oder Orga erledigt. B: dem geholfen, der sich zuerst gemeldet hat, dann dem nächsten. C: gezielt geprüft, was ankommt. Drei-zwei-eins-hoch." [Ergebnis würdigen – A und B dominieren immer.] „Kein Vorwurf – A und B sind die natürlichen Antworten auf einen Beruf mit zu wenig Zeit. Aber heute drehe ich euch die Perspektive: Die Stillarbeit ist die einzige Phase, in der 28 Köpfe gleichzeitig SCHRIFTLICH zeigen, was wirklich angekommen ist. Es ist die datenreichste Viertelstunde eurer Stunde – und die meisten von uns verbringen sie mit dem Rücken zu den Daten. Heute lernt ihr, sie zu ernten. Das Beste: Es ist körperlich entspannter als die Melde-Feuerwehr aus Option B."
Phase 3 · Input (Minute 13–27)
3a · Startbedingungen (Min. 13–16)
„Bevor ihr erntet, muss sauber gesät sein. Eine Stillarbeit beginnt mit fünf geklärten Dingen – ihr kennt das Handwerk aus Woche 4, hier die Checkliste: Aufgabe (steht schriftlich – Transienz, offiziell in Woche 16), Zeit (Timer sichtbar), Sozialform (allein? Flüsterpartner?), Lautstärke (definiert, nicht gefühlt), Was-wenn-fertig (die vergessene Fünfte! Ohne sie produziert jeder Schnelle eine Störung). Fünf Sätze, fünfzehn Sekunden – und die Phase trägt sich selbst."
3b · Circulate: die geplante Route (Min. 16–21)
„Dann die Ernte, Werkzeug eins: Circulate. Vier Regeln: Früh die Ebene durchbrechen – Lemov nennt es break the plane: in den ersten zwei Minuten in den Raum HINEIN, nicht am Pult verwurzeln; wer früh kommt, normalisiert seine Anwesenheit überall. Route statt Rufreihenfolge – wer nur zu Meldern geht, wird von den Lautesten durch den Raum dirigiert und sieht die Stillen nie; die Route plant ihr vorher, eure Frühwarn-Plätze aus Woche 6 zuerst. Lesen, nicht wachen – der Blick geht auf die HEFTE, nicht über die Köpfe; kurz markieren: Haken, Unterstreichung, ‚Schau Zeile 3' – drei Sekunden pro Heft reichen für Daten. Kurz bleiben – maximal 60 Sekunden pro Einzelhilfe. Wer fünf Minuten bei einem Schüler kniet, hat 27 andere unbeobachtet – und die wissen das." [W6-Echo: Modell 4.]
3c · ActiveObs + Sammelklärung (Min. 21–27)
„Werkzeug zwei macht aus dem Rundgang eine Messung: Active Observation. Der Unterschied liegt in einem Satz VOR der Stunde: ‚Ich prüfe heute bei Aufgabe 2, ob sie den Vorzeichenwechsel sauber machen – zuerst bei den vier Wackelkandidaten.' Wer weiß, wonach er sucht, sieht in fünf Minuten mehr als der diffuse Helfer in zwanzig. Woher wisst ihr, wonach ihr sucht? Aus eurem Exemplar (Woche 10 – die markierte Scheiter-Stelle!) und bald aus eurer Fallen-Sammlung. Und die wichtigste Effizienzregel: Wenn derselbe Fehler zum dritten Mal auftaucht – STOPP. Kurz einfrieren: ‚Stifte runter, Blick nach vorn – drei von euch sind in dieselbe Falle getappt, schauen wir sie gemeinsam an.' Zwei Minuten Sammelklärung ersetzen zehn Einzelerklärungen – und die, die den Fehler noch vor sich hatten, sind gleich mit immunisiert."
Phase 4 · Name it (Minute 27–31)
You-do-Standard fixieren: Startbedingungen (5!) → Ebene früh durchbrechen → Route (Frühwarn-Plätze zuerst) → lesen & markieren → Top-3-Fehlerliste führen (Klemmbrett!) → ≤ 60 Sek. pro Einzelhilfe → ab 3× derselbe Fehler: Sammelklärung. Merksatz: „Ich helfe nicht dem Lautesten – ich lese den Raum."
Phase 5 · Do it (Minute 31–52)
Runde 1 · Video-/Fallanalyse (Min. 31–39)
Clip zeigen (oder Fallkarte Anhang 1.3): TN zeichnen den Laufweg der Lehrkraft mit und markieren: Wo verwurzelt? Wer wurde nie gesehen? Wo wäre die Sammelklärung fällig gewesen? Plenums-Blitz (3 Min.) mit dem Standard als Prüfraster.
Runde 2 · Eigene Route + ActiveObs-Bogen (Min. 39–52)
Ablauf:
- Routenplanung (6 Min.): Auf dem mitgebrachten Sitzplan: Route einzeichnen (Frühwarn-Plätze zuerst, blinde Ecke aus W6 abgedeckt?), Standort-Anker markieren.
- ActiveObs-Bogen (5 Min.): für die reale Stunde nächster Woche ausfüllen: Was prüfe ich (konkret, aus dem Exemplar)? Bei wem zuerst? Woran erkenne ich den Fehler in 3 Sekunden?
- Tandem-Härtetest (2 Min.): Partner fragt: „Zeig mir auf deiner Route den Schüler, den du realistisch NIE erreichst – und was änderst du?"
Phase 6 · Action Step & Hospitationsvorbereitung (Minute 52–58)
Standard: „In jeder Übungsphase dieser Woche laufe ich meine geplante Route und führe auf dem Klemmbrett die Top-3-Fehlerliste. Bei drittem Auftreten desselben Fehlers: Sammelklärung statt Einzelerklärung."
Alternativen:
- 60-Sekunden-Woche: Einzelhilfen hart deckeln, Stoppuhr im Kopf.
- Startbedingungen-Woche: jede Phase mit allen fünf Bedingungen eröffnen, besonders „Was-wenn-fertig".
Gruppenhospitation 2 (3 Min.): Termin, Gastgeber; Bogen (Anhang 3) austeilen: Fokus I do / We do – Wortlaut-Protokoll einer Modellierung + Fading-Stufen identifizieren.
Ausblick: „Nächste Woche schließen wir Block 2 mit der Klammer der Stunde: Das Do Now aus Woche 3 bekommt endlich Lern-Substanz, und ihr lernt das ehrlichste Diagnose-Werkzeug überhaupt kennen: das Exit Ticket – inklusive der Kunst, einen Klassensatz in zehn Minuten auszuwerten. Und: Block-2-Quiz!"
Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.
4. Coaching-Woche 13 (Handreichung)
- Hospitationsfokus: eine komplette Übungsphase; Coach zeichnet Laufweg + Standzeiten auf einem Sitzplan mit (das visuelle Protokoll dieser Woche – oft ein Schock-und-Aha-Bild: drei Inseln, eine tote Zone).
- Auswertungsgespräch: Laufweg-Bild vorlegen, TN interpretiert zuerst selbst; Abgleich mit der geplanten Route aus der Sitzung; Frage: „Welche Daten hast du von deiner Runde mitgebracht?" (Klemmbrett zeigen lassen – leer ist ein Befund, kein Vorwurf).
- Verzahnung: ActiveObs-Fokus für nächste Woche aus dem Exemplar der laufenden Einheit ableiten.
- Red Flag: TN „schafft die Route nicht", weil Dauerbrände (Störungen) sie binden → das ist ein Block-1-Rückfall, kein W13-Problem: Interventionsleiter-Action-Step reaktivieren, Route erst danach.
Anhang 1: Übungsmaterial
1.1 Handout A: Startbedingungen + You-do-Standard
Die 5 Startbedingungen: Aufgabe schriftlich · Zeit/Timer · Sozialform · Lautstärke definiert · Was-wenn-fertig. Standard: Ebene früh durchbrechen → Route (Frühwarn-Plätze zuerst) → lesen & markieren (✓ / Unterstreichung / „Zeile 3") → Top-3-Fehlerliste → ≤ 60 Sek./Einzelhilfe → 3× derselbe Fehler = Sammelklärung.
1.2 Handout B: ActiveObs-Bogen
Kopf: Stunde/Klasse/Datum. — Was prüfe ich? (konkret, aus Exemplar/Fallen-Liste): … — Woran erkenne ich den Fehler in 3 Sek.? … — Bei wem zuerst? (3–4 Namen): … — Route (Skizze/Reihenfolge): … — Live-Teil: Top-3-Fehler (Strichliste): 1… 2… 3… — Entscheidung: Sammelklärung nötig? ☐ wann: … / Konsequenz für morgen: …
1.3 Laufweg-Fallkarte (Fallback ohne Video)
Kl. 8, Übungsphase 15 Min., 26 SuS. Min. 0–3: Lehrkraft am Pult, sortiert Blätter. Min. 3: erste Meldung vorn rechts → Lehrkraft geht hin, bleibt 4 Min. (Erklärung im Sitzen). Min. 7: zwei Meldungen gleichzeitig, Lehrkraft pendelt zwischen beiden (je 2 Min.). Min. 11: Unruhe hinten links (unbesuchte Zone seit Beginn) → Ermahnung quer durch den Raum. Min. 12–15: Lehrkraft hilft erneut vorn rechts (derselbe Schüler). Nie besucht: hintere Reihe komplett, Fensterreihe. Dreimal aufgetreten (den Heften nach): Vorzeichenfehler bei Aufgabe 2 – unbemerkt. — Aufgabe: Laufweg skizzieren, 3 Verstöße gegen den Standard benennen, den Sammelklärungs-Moment festlegen. (Lösung: verwurzelt/Pult-Start · Melder-Dirigat · 60-Sek.-Regel verletzt · tote Zone → Unruhe als Folge (Modell 4!) · Sammelklärung spätestens Min. 8.)
Anhang 2: Quiz-Material
Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8, Whiteboards)
- Die We-do-Checkliste – nenne 4 der 5 Punkte. (alle schreiben mit / Fragen statt Vorsagen / Fading-Stufe bewusst / All-Response-Check / ≥80 % vor Stillarbeit)
- Break-It-Down-Stufen in Reihenfolge? (Hinweis → Beispiel → Regel → erster Schritt → Lösung)
- Die W.I.N.-Struktur (Block 1)? (Was ist passiert – Schülersicht zuerst / Impact / Next steps)
- Warum sind allein eingeübte Fehler so teuer? (Umlernen teurer als Lernen; verfestigte falsche Routine)
- (Anwendung) Deine Whiteboard-Abfrage zeigt 60 % richtig – was jetzt? (Stufe halten/zurück: erneut We do bzw. Lückenbeispiel; keine Stillarbeit freigeben)
Teil 2: Modul-Quiz Woche 13 (für SPA/Folgewoche)
F1. Während der Stillarbeit ist deine Hauptaufgabe… a) Korrekturen und Orga – endlich Zeit dafür ✗ (Alltagsrealität) b) systematisches Datensammeln: Route, Lesen, Fehlerliste ✓ c) beim schwächsten Schüler sitzen und intensiv helfen ✗ (klingt fürsorglich – 27 unbeobachtet) d) für absolute Ruhe sorgen ✗
F2. Vier SuS machen denselben Fehler. Du… a) erklärst es viermal einzeln – individuelle Förderung ✗ (klingt vorbildlich!) b) frierst kurz ein und klärst einmal für alle ✓ c) wartest bis zur Besprechung am Ende ✗ d) teilst die Lösung aus ✗
F3. „Break the plane" früh in der Phase bewirkt… a) Kontrolle durch Einschüchterung ✗ b) Anwesenheit wird normal; Daten fließen ab Minute 1 ✓ c) Unruhe ✗ d) nichts – Timing ist egal ✗
F4. Deine Route wird von Meldungen ständig durchkreuzt. Beste Lösung: a) Meldungen sofort bedienen – dafür sind sie da ✗ (Service-Reflex: die Lauten dirigieren) b) kurze Marker („Ich komme gleich"), Route halten, Melder einbauen ✓ c) Meldungen in Stillarbeit verbieten ✗ (Overkill) d) Route aufgeben ✗
F5. Die fünfte Startbedingung „Was-wenn-fertig" verhindert vor allem… a) Langeweile ✗ (teilrichtig – zu weich) b) dass jeder Schnelle zur Störungsquelle wird ✓ c) Abschreiben ✗ d) Fragen ✗
F6 (Transfer, Freitext): Analysiere die Laufweg-Fallkarte: Nenne drei Standard-Verstöße und formuliere die Sammelklärungs-Ansage wörtlich. (Muster-Ansage: „Stifte runter, Blick nach vorn. Drei von euch sind bei Aufgabe 2 in dieselbe Falle getappt – beim Rüberbringen der −5. Schaut her: …")
Anhang 3: Beobachtungsbogen Gruppenhospitation 2
Fokus: I do / We do. | Spalte A: Wortlaut-Protokoll einer Modellierungssequenz (Think-Aloud-Momente unterstreichen!) | Spalte B: Fading beobachtet? (Vollbeispiel → Lücken → Ansatz → blank – was davon, in welcher Reihenfolge? All-Response-Checks?) | Spalte C: „Ein Move, den ich klaue." — Nachbesprechung: Runde 1 beschreibend (A/B), Runde 2 Spalte C, Runde 3: „Welche Fading-Stufe fehlt in MEINEM Unterricht am häufigsten?"
Anhang 4: Ableitung für die SPA „Modul 13"
- Hook (2 Min.): Die anonyme A/B/C-Frage aus Phase 2 als Selbsttest mit ehrlicher Statistik-Einblendung („Du bist nicht allein: die meisten wählen A/B").
- See it (5 Min.): Laufweg-Fallkarte als animierte Draufsicht – der Laufweg zeichnet sich in Echtzeit, Nutzer stoppt an Verstoß-Stellen.
- Name it (3 Min.): Die 5 Startbedingungen + Standard als Checklisten-Karten; Lückenspiel: Welche Bedingung fehlt in dieser Phaseneröffnung (4 Audio-Beispiele)?
- Do it – Sitzplan-Simulator (8 Min., Engine!): eigenen Sitzplan nachbauen (Raster-Editor oder Foto-Annotation) → Route ziehen → App prüft: Frühwarn-Plätze zuerst? Tote Zonen? → ActiveObs-Bogen digital ausfüllen (Prüf-Fokus wird aus dem Modul-10-Exemplar-Markup vorgeschlagen!).
- 60-Sekunden-Spiel: simulierte Hilfe-Anfragen; Nutzer entscheidet pro Fall: kurzer Impuls / Marker + weiter / Sammelklärung – Scoring nach Standard.
- Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen; F1/F2 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular mit Top-3-Fehlerlisten-Log (füttert Modul 26 vor!).