Skript Woche 11: „Modellieren & Erklären – das I do"
60-Minuten-Sitzung · Block 2 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II
1. Überblick
| Leitfrage | Wie erkläre ich so, dass Schüler ohne Vorkenntnisse wirklich folgen können? |
| Kernquellen | Lovell/Dowley, Routine 7 (Explaining/Modelling); Rosenshine P2 (kleine Schritte), P4 (Modellieren); Worked-Example-Forschung (Sweller, Vorgriff W16); Lemov (Think Aloud, economy of language) |
| Funktion im Jahr | Herz des Sequencing-&-Modelling-Strangs. Das Mikroteaching ist die erste Fach-Übung vor der ganzen Gruppe – ein Meilenstein der Übungskultur. Der „Fluch des Wissens" wird Dauerreferenz (W12 Break It Down, W16 CLT, W34 Erwartungshorizonte). Das Exemplar aus W10 liefert die Schrittgrößen-Diagnose. |
| Lernziele | Die TN können: 1. einen Fachinhalt atomisieren (ein neues Element nach dem anderen), 2. beim Modellieren hörbar denken – inklusive einer absichtlich vorgeführten und aufgelösten Falle, 3. den Fluch des Wissens bei sich erkennen und mit der Halbier-Regel kontern, 4. Aufmerksamkeitsdisziplin beim Erklären durchsetzen (Stifte weg, Fixierung danach). |
| Sitzungstyp | Mikroteaching-Sitzung – die Do-it-Phase ist mit 23 Minuten die längste des Jahres; Input entsprechend straff. |
2. Vorbereitung
Raum: Vierergruppen-Inseln mit „Bühne" (ein Stuhl-Halbkreis pro Insel); Timer pro Gruppe (Handys erlaubt). Vorab-Auftrag (seit W10 bekannt, per Exit-Karte erinnert): Jeder hat eine 3-Minuten-Modellierung eines echten Fachinhalts vorbereitet (Zielgruppe: die Gruppe als fachfremde „Klasse" – das ist Absicht: fachfremde Zuhörer spüren Riesenschritte am eigenen Leib).
Material (Checkliste):
- Retrieval-Quiz liegt aus
- Handout A: Mikroteaching-Feedbackbogen (Anhang 1.1), 3 Kopien pro TN
- Handout B: Der Modellierungs-Vierklang mit Think-Aloud-Satzanfängen (Anhang 1.2)
- Los-Reihenfolge pro Gruppe (Kartenstapel)
- Für die Moderations-Demo: ein trivialer Inhalt vorbereitet (Empfehlung: Kommasetzung bei „weil" ODER Dreisatz)
3. Ablauf im Detail (60 Minuten)
Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.
Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).
Phase 2 · Brücke (Minute 8–11)
Moderationstext: „Exemplar-Woche: Wer hat vor einer Stunde die Idealantwort geschrieben – und was ist euch dabei aufgefallen?" [2 Stimmen; fast immer kommt: „Mir ist aufgefallen, wie viel die eigentlich wissen müssen." Darauf aufbauen:] „Genau DAS ist die Tür zu heute. Beim Exemplar-Schreiben habt ihr die Lücken gesehen – zwischen dem, was ihr im Kopf habt, und dem, was im Schülerheft stehen soll. Heute geht es darum, wie ihr diese Lücke überbrückt: das I do. Und ich beginne mit einer unbequemen These: Ausgerechnet eure Stärke – eure Fachlichkeit, eure Berufserfahrung – ist beim Erklären euer größtes Handicap. Beweis folgt in vier Minuten, am lebenden Objekt: an mir."
Phase 3 · Input (Minute 11–27)
3a · See it: Dieselbe Erklärung, zweimal (Min. 11–17)
Moderation erklärt denselben trivialen Inhalt zweimal à 2 Minuten:
Version 1 (Ergebnis-Präsentation): flüssig, korrekt, kompakt – Regel nennen, ein Beispiel zeigen, fertig. So erklärt ein Profi, dem alles selbstverständlich ist.
Version 2 (Modellierung mit Think Aloud): „Ich lese zuerst den GANZEN Satz – nicht nur bis zum weil, den ganzen. … Jetzt frage ich mich: Wo ist das zweite Verb? Da – ‚regnet'. Zwei Verben heißt fast immer: zwei Teilsätze. … Und hier ist die Falle, in die fast alle tappen: Viele setzen das Komma nach Gefühl, da wo man Luft holt. Klingt vernünftig – geht aber schief, sobald der Satz lang wird. Deshalb suche ich nicht nach Luft, sondern nach dem Verb. …"
Auswertung (2 Min.): „Was konnte Version 2, was Version 1 nicht konnte?" [Sammeln: Man hört das VORGEHEN, nicht nur das Ergebnis; die Falle wurde gezeigt UND entschärft; Entscheidungspunkte wurden sichtbar.] „Version 1 zeigt, DASS ich es kann. Version 2 zeigt, WIE man es macht. Nur Version 2 ist Unterricht."
3b · Die Prinzipien (Min. 17–25)
„Erstens: Atomisieren. Ein neues Element nach dem anderen – Rosenshine P2, ihr kennt es. Neu ist heute das Diagnose-Werkzeug: euer Exemplar aus letzter Woche. Zerlegt die Idealantwort in ihre Bausteine – jeder Baustein, den die Klasse noch nicht sicher hat, ist ein eigener Schritt. Nicht zwei in einem Atemzug. Zweitens: Lautes Denken. Experten-Denken ist unsichtbar – ihr müsst es hörbar machen: die Entscheidungen (‚zuerst prüfe ich…'), die Selbstfragen (‚woran erkenne ich…?'), und – das Kronjuwel – die Falle: den typischen Fehler absichtlich ansteuern, benennen, auflösen. ‚Viele würden jetzt X tun – verständlich, weil… – aber dann passiert…' Eine vorgeführte Falle immunisiert besser als zehn Warnungen. Und woher kennt ihr die typischen Fallen? Ab Woche 21 sammelt ihr sie systematisch; bis dahin: aus den Fehlern der letzten Klassenarbeit. Drittens: Der Fluch des Wissens. Jetzt die These vom Anfang: Wer etwas gut kann, kann sich buchstäblich nicht mehr vorstellen, es nicht zu können. Die Zwischenschritte, die ihr vor fünfzehn Jahren mühsam gelernt habt, sind zu EINEM Schritt verschmolzen – für euch. Für einen Schüler ohne Vorkenntnisse sind es immer noch fünf. Und ihr, mit Berufsjahren im Fachgebiet, tragt die Maximaldosis dieses Fluchs. Er ist nicht heilbar, aber behandelbar – mit der Halbier-Regel: Halbiere die Schrittgröße, die sich richtig anfühlt. Wenn es sich quälend kleinschrittig anfühlt, ist es für die Klasse vermutlich gerade richtig. Viertens: Aufmerksamkeitsdisziplin. Während ihr modelliert: Stifte weg, nur zusehen und zuhören. Ja, das kollidiert mit dem Elternhaus-Reflex ‚Mitschreiben ist fleißig'. Aber wer gleichzeitig versteht und abschreibt, tut beides halb – warum genau, bekommt ihr in Woche 16 mit Theorie unterfüttert. Die Fixierung kommt DANACH: als eigener Schritt, von eurem stehengebliebenen Tafelbild."
3c · Vierklang zusammensetzen (Min. 25–27)
„Der Bauplan jeder Modellierung, unser Vierklang:
- Vormachen – bewusst entscheiden: einmal in Echtgeschwindigkeit als Vorschau oder gleich Schritt für Schritt.
- Denken laut – Entscheidungen und Selbstfragen hörbar.
- eine Falle zeigen und auflösen.
- Kernschritte fixieren – an der Tafel, und sie bleiben stehen."
Phase 4 · Name it (Minute 27–30)
Handout B austeilen: Vierklang + Think-Aloud-Satzanfänge + Halbier-Regel + „Stifte weg"-Regel. Feedbackbogen (Handout A) erklären: vier Kriterien, ankreuzbar, plus ein Freitextfeld „stärkster Moment".
Phase 5 · Do it: Mikroteaching-Runden (Minute 30–53)
Setup: Vierergruppen, Los-Reihenfolge. Pro Person ein 5,5-Minuten-Slot: 3 Min. Modellierung (Timer hart!) + 1,5 Min. Feedback nach Bogen (Reihenfolge: stärkster Moment zuerst, dann EIN Kriterium mit Luft) + 1 Min. Sofort-Wiederholung der schwächsten 30 Sekunden. Nach jedem Slot Rollenwechsel.
Moderations-Rotation – die drei häufigsten Interventionen:
- Ergebnis-Präsentation statt Modellierung (kein hörbares Denken) → Zwischenruf-Karte: „Denk laut – was fragst du dich GERADE?"
- Fallen-Vermeidung (aus Angst, Fehler „in die Köpfe zu setzen") → kurz entkräften: Die benannte + aufgelöste Falle schützt; die verschwiegene lauert. (Volle Begründung in W21.)
- Zeitüberziehung durch Vollständigkeitsdrang → Timer gilt; Erkenntnis aussprechen lassen: „Ich wollte zu viel in drei Minuten" = Atomisierung nicht gelungen – wertvollstes Feedback der Runde.
Phase 6 · Action Step (Minute 53–58)
Standard: „In einer Erklärphase pro Tag denke ich hörbar laut – inklusive EINER absichtlich vorgeführten und aufgelösten Falle. Die Falle wähle ich vorher aus den Fehlern der letzten Klassenarbeit/Übung."
Alternativen:
- Selbst-Audio: eine Erklärphase mit dem Handy aufnehmen (nur Ton reicht!) und abends zählen: neue Elemente pro Minute – Halbier-Regel anwenden.
- Stifte-weg-Woche: jede Modellierung mit expliziter Ansage („Stifte weg – erst schauen, gleich schreiben") und separater Fixierungsphase.
Ausblick: „Nächste Woche die Brücke, die der Beispielstunde aus Woche 9 gefehlt hat: das We do. Wie ihr die Klasse vom Zusehen zum Selbermachen führt, ohne sie fallen zu lassen – mit einer Treppe aus verschwindenden Hilfen."
Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.
4. Coaching-Woche 11 (Handreichung)
- Hospitationsfokus: eine Erklärphase; Transkript-Ausschnitt anfertigen (2–3 Minuten wörtlich mitschreiben oder mit Erlaubnis Audio) – das mächtigste Werkzeug dieser Woche.
- Auswertungsgespräch: Transkript gemeinsam lesen; TN zählt selbst: neue Elemente pro Minute? Think-Aloud-Anteile markieren (oft: null – Ergebnis-Sprache dominiert). Dann 2 Minuten der Erklärung im Gespräch NEU sprechen: mit Selbstfrage + Falle.
- Verzahnung: Exemplar aus W10 danebenlegen – „Welcher Baustein der Idealantwort kam in der Erklärung gar nicht vor?"
- Red Flag: TN, die das Mikroteaching als bloßstellend erlebt haben → im 1:1 auffangen: Feedback-Erleben besprechen, ggf. Tandem-Konstellation für W12 anpassen; die Übungskultur trägt nur mit Sicherheit.
Anhang 1: Übungsmaterial
1.1 Handout A: Mikroteaching-Feedbackbogen
☐ Schrittgröße: ein neues Element nach dem anderen? (Wo kamen zwei auf einmal?) ☐ Denken hörbar: Selbstfragen/Entscheidungen zu hören? (Beispiel notieren) ☐ Falle: gezeigt UND aufgelöst? ☐ Sprachökonomie: Füllwörter, Doppel-Erklärungen, Abschweifer? (W4-Echo) ✍ Stärkster Moment (wörtlich): … ✍ EIN Impuls: …
1.2 Handout B: Vierklang & Think-Aloud-Werkzeugkasten
Vierklang: Vormachen (Echtgeschwindigkeit als Vorschau ODER direkt schrittweise – bewusst wählen) → Denken laut → eine Falle zeigen + auflösen → Kernschritte fixieren (Tafel bleibt stehen). Think-Aloud-Satzanfänge: „Zuerst prüfe ich…" · „Jetzt frage ich mich…" · „Woran erkenne ich…?" · „Hier stutze ich, denn…" · „Viele würden jetzt … – verständlich, weil … – aber dann …" · „Ich kontrolliere mein Ergebnis, indem…" Halbier-Regel: Die Schrittgröße, die sich richtig anfühlt, halbieren. Stifte-weg-Regel: Verstehen zuerst, Fixieren danach – als eigener Schritt vom stehenden Tafelbild.
Anhang 2: Quiz-Material
Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)
- Die vier Ampel-Kriterien für Meilensteine? (kumulativ, verteilt, messbar, klar)
- Die zwei Planungs-Todsünden – je ein Erkennungsmerkmal? (Aktivitätsfokus: Methode vor Ziel; Abdeckungsfokus: „Stoff durch" als Erfolgsmaß)
- Die 6 Leiterstufen (Block 1)? (nonverbal → … → Konsequenz)
- Warum schreibt man das Exemplar selbst – nenne zwei der drei Renditen? (Präzision des Ziels / Lücken+Schrittgrößen sichtbar / Maßstab für Antworten)
- (Anwendung) Baue aus „Thema: Wahlrecht" ein messbares Ziel. (z. B. „kann 2 Pro- und 2 Contra-Argumente nennen und eines mit Beispiel entfalten")
Teil 2: Modul-Quiz Woche 11 (für SPA/Folgewoche)
F1. Der Fluch des Wissens bedeutet: a) Wissen macht überheblich ✗ (Wortassoziation) b) Experten unterschätzen systematisch, was Schülern ohne Vorkenntnisse fehlt – Zwischenschritte sind unsichtbar verschmolzen ✓ c) zu viel Wissen verwirrt die SuS ✗ d) Fachwissen veraltet schnell ✗
F2. Während du modellierst, sollen die SuS… a) alles mitschreiben – sonst geht es verloren ✗ (Eltern-Reflex + Fleiß-Ethos) b) nur zusehen/zuhören; fixiert wird danach vom stehenden Tafelbild ✓ c) parallel schon Aufgaben lösen ✗ d) im Buch mitlesen ✗
F3. Eine typische Falle absichtlich vorführen… a) setzt den Fehler erst in die Köpfe ✗ (DIE Angst – klingt plausibel!) b) immunisiert: benannt + aufgelöst schützt besser als Warnungen ✓ c) verwirrt schwache SuS ✗ d) kostet zu viel Zeit ✗
F4. Deine Erklärung fühlt sich „quälend kleinschrittig" an. Wahrscheinlich ist sie… a) zu langsam – Tempo erhöhen ✗ (das Gefühl lügt – Fluch des Wissens) b) für die Klasse gerade richtig (Halbier-Regel) ✓ c) unter dem Niveau der Klasse ✗ d) ein Zeichen schlechter Vorbereitung ✗
F5. „Version 1" (flüssige Ergebnis-Präsentation) zeigt der Klasse… a) wie man es macht ✗ b) dass die Lehrkraft es kann – das Vorgehen bleibt unsichtbar ✓ c) alles Nötige, wenn sie kurz ist ✗ d) zu wenig Fachlichkeit ✗
F6 (Transfer, Freitext): Skizziere eine 3-Min.-Modellierung für einen Inhalt deines Fachs nach dem Vierklang – notiere wörtlich eine Selbstfrage und deine Falle samt Auflösung. (Bewertungsanker: Selbstfrage in Ich-Form, Falle benannt + Grund ihrer Verführungskraft + Auflösung.)
Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 11"
- Hook (2 Min.): Der Fluch-des-Wissens-Selbsttest: Nutzer soll „einen Schuh zubinden" in Einzelschritten aufschreiben – App zeigt danach die 12-Schritte-Version für Schüler ohne Vorkenntnisse. Punchline: „So fühlt sich dein Fach für deine Klasse an."
- See it (5 Min.): Version 1 vs. Version 2 als Audio-Paar; Aufgabe: alle Think-Aloud-Momente in Version 2 antippen (Transkript-Markup).
- Name it (3 Min.): Vierklang-Karten + Satzanfänge-Sammlung als Spickzettel-Export.
- Do it – Atomisierungs-Trainer (7 Min., Engine!): Fachinhalt wählen/eingeben → in Teilschritte zerlegen → Vergleich mit Musterlösung; das in Modul 10 markierte „Scheiter-Stelle"-Markup aus dem Exemplar wird hier automatisch eingeblendet („Dein Modul-10-Ich sagt: hier brauchen Schwache einen Extra-Schritt").
- Selbstaufnahme-Auftrag (Kern!): App führt durch: 3-Min.-Modellierung aufnehmen (nur Audio) → geführte Selbstanalyse mit Feedbackbogen-Kriterien → „neue Elemente pro Minute" selbst zählen mit Zähl-Buttons. Aufnahme bleibt lokal.
- Fallen-Bibliothek (wachsende Datenbank): eigene Fach-Fallen eintragen (Fehler + warum verführerisch + Auflösung) – wird in Modul 21 (Plan for Error) wieder aufgerufen und weitergefüllt (Modul-übergreifende Kontinuität!).
- Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen; F2/F3 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular „Eine Falle pro Tag" mit Fallen-Log.