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Skript Woche 10: „Lernziele & Backwards Design – wissen, wohin

Skript Woche 10: „Lernziele & Backwards Design – wissen, wohin"

60-Minuten-Sitzung · Block 2 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Was genau sollen meine Schüler am Ende können – und woran erkenne ich es?
Kernquellen McCrea, Lean Lesson Planning (Backwards Design, Lern-Meilensteine, die zwei Planungs-Todsünden); Lemov T1 (Exemplar Planning)
Funktion im Jahr Das Steuerungs-Modul: Meilensteine + Exemplar werden Referenz für Exit Tickets (W14), CFU-Ausrichtung (Block 4), Erwartungshorizonte (W34) und das komplette Lean-Framework (W32/33). Wer diese Woche verpasst, plant den Rest des Jahres im Nebel.
Lernziele Die TN können:
1. die zwei Planungs-Todsünden (Aktivitätsfokus, Abdeckungsfokus) bei sich selbst erkennen,
2. 2–5 Lern-Meilensteine für eine Stunde formulieren (kumulativ, verteilt, messbar, klar),
3. per Exemplar Planning die ideale Schülerantwort vorab selbst verfassen und daraus Planungskonsequenzen ziehen.
Sitzungstyp Schreibwerkstatt an REALEN Stunden der kommenden Woche – der Output der Sitzung wird montags unterrichtet.

2. Vorbereitung

Raum: Tandems an Tischen. Vorab-Auftrag (in W9 angesagt!): Jeder bringt das Thema einer echten Stunde der KOMMENDEN Woche mit (Fach, Klasse, Stoff – mehr nicht).

Material (Checkliste):


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).

Phase 2 · See it: Die zwei Todsünden als Selbsterkennung (Minute 8–15)

Moderation liest beide inneren Monologe vor (Anhang 1.3) – langsam, mit Genuss:

Planer A (Aktivitätsfokus): „Ich hab bei Instagram dieses geniale Gruppenpuzzle zur Französischen Revolution gesehen – mit Rollenkarten und allem. Das MUSS ich machen. Okay… was war nochmal eigentlich das Thema diese Woche? Egal, das pass ich an. Die Stunde wird super." Planer B (Abdeckungsfokus): „Kapitel 7 muss bis Freitag durch, sonst schaffe ich Kapitel 8 nicht vor den Ferien. Also: Montag Seite 84 bis 87, Mittwoch 88 bis 91, die Aufgaben 1 bis 6, Freitag Rest. Puh. Eng, aber machbar."

Moderationstext: *„Handzeichen, ehrlich und ohne Scham: Wer erkennt sich in A? … In B? … In beiden, je nach Wochentag? Ich auch – jahrelang. Und jetzt der unbequeme Punkt: Beide fühlen sich nach guter Arbeit an. A hat Begeisterung, B hat Pflichtgefühl. Aber beide optimieren das Falsche: A optimiert Beschäftigung – die Frage ‚Was tun die Schüler?' hat die Frage ‚Was lernen sie?' verdrängt. B optimiert Durchkommen – der STOFF ist durch, ob die KÖPFE mit sind, steht auf keinem seiner Zettel. McCrea nennt das die zwei Todsünden der Planung, und das Gegengift ist banal auszusprechen und schwer zu leben: Fang am Ende an."*

Phase 3 · Input: Backwards Design, Meilensteine, Exemplar (Minute 15–28)

3a · Backwards Design (Min. 15–18)

„Die Planungsreihenfolge, die trägt: ERST ‚Was sollen sie am Ende können?' – dann ‚Woran erkenne ich das?' – dann, ganz zuletzt, ‚Welche Aktivität bringt sie dahin?'. Lemovs Befund aus den Videostudien dazu ist bemerkenswert: Die wirksamsten Lehrkräfte verbringen MEHR Zeit mit dem Ziel und WENIGER mit der Aktivitätenauswahl als der Durchschnitt – exakt umgekehrt zum Bauchgefühl. Und noch eine Entwarnung: ‚Am Ende anfangen' heißt nicht ‚mehr planen'. Es heißt: die ersten zehn Planungsminuten anders herum verwenden."

3b · Lern-Meilensteine (Min. 18–23)

„Das Ziel einer Stunde ist kein Thema. ‚Wir machen heute Photosynthese' ist ein ORT, kein Ziel – man kann dort ankommen, ohne dass irgendjemand etwas kann. Stattdessen: zwei bis fünf Meilensteine – Könnens-Sätze. Für Photosynthese etwa: ‚Kann die Wortgleichung nennen' → ‚kann erklären, wozu die Pflanze Licht braucht' → ‚kann vorhersagen, was im Dunkeln mit der Stärkeproduktion passiert.' Vier Prüfsteine, unsere Ampel: kumulativ – sie bauen aufeinander; verteilt – den ersten schaffen fast alle, den letzten die Stärksten (das ist eure Differenzierung, eingebaut statt angeflanscht!); messbar – man kann eine Aufgabe dazu stellen; klar – ein Schüler versteht den Satz. Merkt euch die Meilensteine gut: Sie sind ab Woche 14 die Messlatte eurer Exit Tickets und ab Woche 34 das Skelett eurer Erwartungshorizonte. Was ihr heute lernt, benutzt ihr bis Juni wöchentlich."

3c · Exemplar Planning (Min. 23–28)

„Und jetzt Lemovs Technik Nummer eins – wortwörtlich, es ist die erste im Buch: Schreib die ideale Schülerantwort selbst auf. Vorher. Nicht die Aufgabe – die ANTWORT. Warum das so mächtig ist, merkt ihr beim ersten Versuch: Ihr wollt ‚Die Schüler können den Treibhauseffekt erklären'. Gut – schreibt die Erklärung, die ihr von einem Achtklässler sehen wollt. Drei Sätze? Sieben? Mit dem Wort ‚Wärmestrahlung' oder reicht ‚Wärme'? Mit Beispiel? In dem Moment, in dem ihr das ausformuliert, passieren drei Dinge: Erstens wisst ihr zum ersten Mal PRÄZISE, was ihr wollt. Zweitens seht ihr sofort die Lücken – ‚dafür müssen sie ja erstmal wissen, was Strahlung ist' – eure Schrittgrößen-Planung aus Woche 9 fällt euch in den Schoß. Drittens habt ihr den Maßstab für jede Antwort in der Stunde: Right is Right, kommt in Block 4, braucht genau dieses Exemplar. Fünf Minuten Schreibarbeit, dreifache Rendite."

Phase 4 · Name it (Minute 28–32)

Handout A: Ampel-Check je Meilenstein: kumulativ? · verteilt? · messbar? · klar? — plus Exemplar-Frage: „Habe ich die Idealantwort auf die Schlüsselaufgabe selbst ausformuliert?" — plus Reihenfolge-Regel: Ziel → Nachweis → Aktivität (nie andersherum).

Fingerzeichen-Kalibrierung (2 Min.): 4 Formulierungen vorlesen – Ziel oder Thema? (z. B. „Die SuS setzen sich mit Gedichten auseinander" = Thema/Nebel; „Die SuS können ein Metrum bestimmen und am Text belegen" = Ziel.)

Phase 5 · Do it: Werkstatt an der echten Montagsstunde (Minute 32–52)

Runde 1 · Kalibrierung an Fremdmaterial (Min. 32–38)

Tandems bewerten die 4 Beispielketten (Handout B) mit der Ampel: Welche zwei sind kaputt – und woran genau? Plenums-Blitz: je Kette 30 Sekunden. (Die kaputten Ketten scheitern an „nicht kumulativ" bzw. „nicht messbar" – siehe Anhang 1.2; die Diskussion kalibriert die Ampel, bevor sie auf Eigenes losgelassen wird.)

Runde 2 · Eigene Meilensteinkette + Exemplar (Min. 38–48)

Einzelarbeit an der mitgebrachten realen Stunde:

  1. 2–5 Meilensteine schreiben (5 Min.).
  2. zur Schlüsselaufgabe des obersten erreichbaren Meilensteins das Exemplar ausformulieren – die Antwort, wie sie im Heft stehen soll (5 Min.).

Moderation zirkuliert; häufigste Intervention: „Das ist die Aufgabe – ich will die ANTWORT sehen."

Runde 3 · Härtetest (Min. 48–52)

Tandem-Prüfung mit zwei Fragen: „Woran MISST du Meilenstein 2 – welche Aufgabe stellst du?" und „Zeig mir im Exemplar die Scheiter-Stelle – die Stelle, an der schwache Schüler scheitern werden." → nachschärfen. (Die zweite Frage erzwingt den Blick auf Schrittgrößen – die Brücke zu W11.)

Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)

Standard: „Für jede NEUE Stunde dieser Woche schreibe ich zuerst die ideale Schülerantwort auf die Schlüsselaufgabe – vor allem anderen, vor der Methodenwahl, vor dem Material. Fünf Minuten, handschriftlich reicht."

Alternativen:

  1. Einseiter-Woche: alle Stunden nur als Meilensteine + Exemplar + grobe Phasen planen (Vorgriff Lean, W32 – gut für chronisch Überplanende).
  2. Todsünden-Wache: die eigene Planung jeder Stunde nachträglich taggen (A? B? Backwards?) – reine Diagnose-Woche für Skeptiker.

Ausblick: „Nächste Woche: das I do. Wie man erklärt, dass Schüler ohne Vorkenntnisse wirklich folgen – lautes Denken, Beispiele, und warum ausgerechnet eure Berufserfahrung euer größtes Erklär-Handicap ist. Bringt Mut mit: Es wird Mikroteaching geben – jeder erklärt drei Minuten vor der Gruppe. Bereitet dafür einen kleinen Fachinhalt eurer Wahl vor." (Vorab-Auftrag W11 explizit ansagen und auf die Exit-Karte drucken!)

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard + Erinnerungszeile Mikroteaching-Auftrag.


4. Coaching-Woche 10 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Meilenstein-Canvas

Kopf: Fach/Klasse/Thema/Datum. — Tabelle: Meilenstein (Könnens-Satz) | Ampel: kumulativ · verteilt · messbar · klar | Prüfaufgabe dazu (ein Satz). — Fußfeld: Exemplar (die Idealantwort zur Schlüsselaufgabe, ausformuliert!). — Merkzeile: Ziel → Nachweis → Aktivität.

1.2 Handout B: Vier Beispielketten

Kette 1 (tragfähig, Englisch Kl. 8): kann 5 unregelmäßige Verben im past simple bilden → kann in 4 vorgegebenen Sätzen zwischen past simple und present perfect entscheiden → kann die Entscheidung mit der Signalwort-Regel begründen → kann einen eigenen 5-Satz-Text über das Wochenende fehlerfrei im past simple schreiben. (kumulativ ✓ verteilt ✓ messbar ✓ klar ✓) Kette 2 (kaputt, Geschichte Kl. 9): kann sich in die Zeit des Kalten Krieges einfühlen → versteht die Bedeutung der Kubakrise → reflektiert Parallelen zur Gegenwart. (nicht messbar: „einfühlen/verstehen/reflektieren" ohne Nachweisform; keine Prüfaufgabe stellbar) Kette 3 (tragfähig, Chemie Kl. 8): kann die Teilchen in Wort- und Symbolschreibweise von Wasser benennen → kann den Versuchsaufbau der Wasserzersetzung skizzieren und beschriften → kann das 2:1-Volumenverhältnis der Gase mit der Formel erklären → kann vorhersagen, welche Gasmengen bei doppelter Wassermenge entstehen. (alle ✓) Kette 4 (kaputt, Mathe Kl. 7): kann den Satz des Pythagoras anwenden → kann rechtwinklige Dreiecke erkennen → weiß, was eine Hypotenuse ist. (nicht kumulativ – Reihenfolge steht Kopf: Das Schwerste zuerst; als Kette rückwärts wäre sie tragfähig – guter Diskussionsfall!)

1.3 Vorlesetexte „Innere Monologe" — siehe Phase 2 (Planer A / Planer B, wörtlich).


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)

  1. Die vier Rosenshine-Stränge? (Reviewing / Sequencing & Modelling / Questioning / Practising)
  2. Was tust du bei ~50 % Erfolgsquote im Üben – und bei dauerhaft 100 %? (zurück zu Modellieren/We do; Anspruch erhöhen)
  3. Die Umformulierungs-Formel aus Block 1? („Ich sehe [erfüllender Teil] – ich will [Zielzustand]")
  4. Warum ist das We do unverzichtbar – mit welchem mentalen Modell begründest du das? (Verantwortungsübergabe braucht Brücke; Modell 1: WM-Entlastung durch geführte Schritte)
  5. (Anwendung) Nenne die Reviewing-Elemente in UNSEREN Sitzungen. (Retrieval-Starter wöchentlich, Block-Quizze, kumulative Fragen)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 10 (für SPA/Folgewoche)

F1. „Die SuS setzen sich mit dem Klimawandel auseinander" ist… a) ein gutes, offenes Lernziel ✗ (klingt kompetenzorientiert!) b) ein Thema ohne messbares Ziel – keine Prüfaufgabe stellbar ✓ c) zu anspruchsvoll für Sek I ✗ d) nur als Projektziel geeignet ✗

F2. Exemplar Planning bedeutet… a) Musterstunden erfahrener Kollegen übernehmen ✗ (Wortfalle) b) die ideale Schülerantwort vor der Stunde selbst ausformulieren ✓ c) im Unterricht viele Beispiele zeigen ✗ (nah dran – das ist P4, nicht T1) d) den Erwartungshorizont nach der Klassenarbeit schreiben ✗

F3. Die wirksamsten Lehrkräfte verwenden (laut Lemovs Videostudien) … a) mehr Zeit auf originelle Aktivitäten ✗ (Bauchgefühl!) b) mehr Zeit auf Ziele/Exemplare, weniger auf Aktivitätenauswahl ✓ c) gar keine schriftliche Planung ✗ d) fertige Verlagsmaterialien ✗

F4. „Verteilt" als Meilenstein-Kriterium heißt: a) die Meilensteine sind über die Stunde verteilt ✗ (Wortfalle) b) den ersten schaffen fast alle, den letzten die Stärksten – Differenzierung eingebaut ✓ c) jeder Schüler bekommt einen anderen ✗ d) sie verteilen sich auf mehrere Stunden ✗

F5. Der Abdeckungsfokus („Kapitel 7 muss durch") ist gefährlich, weil… a) Lehrpläne unwichtig sind ✗ (Strohmann) b) „Stoff durch" nichts darüber sagt, ob Köpfe mitgekommen sind ✓ c) er zu langsam ist ✗ d) Schulbücher schlecht sind ✗

F6 (Transfer, Freitext): Baue aus dem Thema „Wahlrecht ab 16" (Politik, Kl. 10) eine Kette aus drei Meilensteinen + formuliere das Exemplar zum mittleren. (Muster: kann 2 Pro- und 2 Contra-Argumente nennen → kann ein Argument mit Beleg/Beispiel entfalten → kann eine begründete eigene Position in 5 Sätzen formulieren, die ein Gegenargument aufgreift. Exemplar Mitte z. B.: „Ein Argument dafür ist, dass 16-Jährige von politischen Entscheidungen – etwa beim Klima – am längsten betroffen sind. Wer betroffen ist, sollte mitentscheiden dürfen; das zeigt sich auch daran, dass …")


Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 10"

  1. Hook (2 Min.): Die zwei inneren Monologe als Audio – Nutzer tippt nach jedem: „Welche Frage fehlt in diesem Kopf?" (Auflösung: „Was LERNEN sie dabei?").
  2. See it (4 Min.): Backwards-Design-Reihenfolge als animierte Umkehrung (Aktivität-zuerst-Pfeil dreht sich um); Lemov-Befund als Balkengrafik (Zeitverwendung Top-Lehrkräfte vs. Durchschnitt).
  3. Name it (4 Min.): Ampel-Kriterien als Karten; „Ziel oder Thema?"-Swipe-Spiel mit 10 Formulierungen.
  4. Do it – Meilenstein-Werkstatt (8 Min., Engine!): Thema eingeben → Kette bauen → Ampel-Prüfung pro Meilenstein (Heuristik: Verb-Check gegen Nebelverben-Liste „verstehen/kennenlernen/auseinandersetzen/reflektieren"; Prüfaufgaben-Pflichtfeld erzwingt Messbarkeit); die 4 Beispielketten aus Anhang 1.2 als Kalibrier-Level vorab (Fehler finden).
  5. Exemplar-Editor: Schlüsselaufgabe + Idealantwort verfassen; App-Prompt: „Markiere die Scheiter-Stelle – die Stelle, an der Schwache scheitern werden" → dieses Markup wird als Schrittgrößen-Hinweis in Modul 11 wieder eingeblendet (Modul-übergreifende Datennutzung!).
  6. Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen; F1/F3 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular „Exemplar vor Methodenwahl" mit Wochenzähler + Erinnerung an den Mikroteaching-Vorab-Auftrag für Modul 11.