Skript Woche 7: „Positive Framing, Precise Praise & Warm/Strict"
60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II
1. Überblick
| Leitfrage | Wie korrigiere ich so, dass die Beziehung wächst statt leidet? |
| Kernquellen | Lemov T59 (Positive Framing), T60 (Precise Praise), T61 (Warm/Strict); Lovell/Dowley, Prinzip 10 („Bank positivity") |
| Funktion im Jahr | Die Sprach-Schicht über der Interventionsleiter (W6): Stufen 2–3 werden hier zur Kunstform. Legt das Fundament der Fehlerkultur (W21) und der Beziehungsarbeit (W29). Precise Praise wird in W25 (Show Call) und W36 (Zertifikatsübergabe!) wieder gebraucht. |
| Lernziele | Die TN können: 1. Korrekturen positiv rahmen (Zielzustand statt Fehlverhalten benennen), 2. das 3:1-Verhältnis als Beziehungs-Ökonomie begründen und umsetzen, 3. präzise loben (konkret, verdient, prozessbezogen) und Anerkennung von Lob unterscheiden, 4. Warmherzigkeit und Strenge gleichzeitig ausdrücken. |
| Sitzungstyp | Sprach-Training mit Tempo-Übungen (Automatisierung ist das Ziel – die Umformulierung muss schneller werden als der Ärger-Reflex). |
2. Vorbereitung
Raum: Tandems an Tischen; Timer prominent. Material:
- Retrieval-Quiz liegt aus
- Umformulierungs-Kartenset: 10 Negativ-Ansagen (Anhang 1.1), pro Tandem ein Set
- Handout A: Die drei Sprachwerkzeuge mit Formeln (Anhang 1.2)
- 2–3 anonymisierte Schülerarbeiten (real, vom Coach besorgt) für die Lob-Übung
- Strichlisten-Kärtchen fürs Pult (3:1-Zähler, Anhang 1.3) – kleines Giveaway, erhöht Umsetzungsquote spürbar
3. Ablauf im Detail (60 Minuten)
Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.
Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).
Phase 2 · Brücke & das Konto (Minute 8–13)
Moderationstext: „Stufen-Woche: Wer hat gezählt – wie oft hat Stufe 1 gereicht?" [2 Zahlen einsammeln; typisch: „öfter als gedacht" – würdigen.] „Und jetzt eine Frage an eure Bank. Nicht die mit dem Geld – die mit der Beziehung. Stellt euch vor, jede Interaktion mit einem Schüler ist eine Buchung: Anerkennung, echtes Interesse, Lob = Einzahlung. Korrektur, Ermahnung, Konsequenz = Abhebung. Jetzt die unbequeme Frage: Bei eurem anstrengendsten Schüler – wie ist der Kontostand? … Eben. Bei vielen ist das Konto tiefrot, weil seit Wochen nur abgehoben wird. Und von einem roten Konto kann man nichts mehr abheben: Jede weitere Korrektur wird als Angriff verbucht, nicht als Führung. Lovell nennt das Prinzip ‚Bank positivity': Wer korrigieren können will – und ihr MÜSST korrigieren können, Woche 6 –, der braucht Guthaben. Heute lernt ihr die drei Einzahlungs-Werkzeuge. Und das Beste: Das erste davon ist gar kein Extra-Aufwand – es ist nur eine andere Grammatik für das, was ihr sowieso sagt."
Phase 3 · Input (Minute 13–28)
3a · See it: Das Grammatik-Wunder (Min. 13–17)
Tafel, zwei Spalten, Moderation spricht beide Versionen laut mit identischem (!) ruhigem Ton:
- Links: „Hört auf zu quatschen!" · „Warum arbeitet ihr da hinten schon wieder nicht?" · „Immer muss ich alles dreimal sagen!"
- Rechts: „Ich sehe fast alle Hefte offen – ich will alle sehen." · „Zwei Tische fehlen noch – ihr wisst, was zu tun ist." · „Ihr habt vergessen, dass wir im Flüsterton arbeiten – ab jetzt wieder."
„Gleicher Ton, gleiche Länge, gleiches Ziel. Aber die linke Spalte beschreibt das Fehlverhalten – und macht es damit zur sichtbaren Norm: ‚Hier wird gequatscht, hier muss man alles dreimal sagen.' Modell 4 lässt grüßen. Die rechte Spalte beschreibt den ZIELZUSTAND und die erfüllende Mehrheit – und unterstellt nebenbei Gutwilligkeit: ‚Ihr habt vergessen' statt ‚Ihr weigert euch'. Lemov nennt das Positive Framing, und die Formel ist simpel: Ich sehe [den erfüllenden Teil] – ich will [den Zielzustand]. Dazu die Regel: anonym korrigieren, namentlich loben – nie umgekehrt."
3b · Precise Praise & die Lob-Inflation (Min. 17–23)
„Zweites Werkzeug: Lob – aber richtig, denn falsches Lob ist keine Einzahlung, sondern Falschgeld. Drei Prüfsteine: konkret (was genau war gut?), verdient (über dem Grundstandard – wer das bloße Erfüllen einer Anweisung bejubelt, erklärt es zur Ausnahme; dafür gibt es Anerkennung: ein ‚Danke', ein Nicken), prozessbezogen (das Vorgehen loben, nicht die Person: ‚Du hast die Probe gemacht, BEVOR du abgegeben hast – das ist der Unterschied' statt ‚Du bist so schlau'). Warum Prozess? Weil Personen-Lob bei der nächsten schweren Aufgabe zur Hypothek wird – wer für Schlausein gelobt wurde, riskiert beim Fehler seine Identität. Wer für die Probe gelobt wurde, macht wieder eine Probe. Und begrabt bitte heute das Lobsandwich – Lob, Kritik, Lob. Schüler durchschauen es nach dem zweiten Mal, und dann habt ihr etwas Schlimmes erreicht: Jedes eurer Lobe wird als Vorbote einer Kritik gehört. Ihr habt Lob vergiftet. Kritik verdient einen eigenen, ehrlichen, freundlichen Satz – kein Brötchen."
3c · Warm/Strict (Min. 23–28)
„Drittes Werkzeug, und es ist eher eine Haltung mit Grammatik: Warm/Strict. Der verbreitetste Irrtum im Lehrerzimmer ist das ODER: Entweder man ist der Nette, oder man ist der Strenge. Lemovs Videos zeigen durchgehend das UND – gleichzeitig, im selben Satz: ‚Weil ich weiß, dass du das besser kannst, nehme ich das so nicht an.' Hört ihr beides? Die Strenge ist die Verpackung des Zutrauens. Ein Standard, den ich bei dir hochhalte, ist ein Kompliment an dich – gesenkte Erwartungen sind die höflichste Form der Abwertung, und Jugendliche spüren das mit erschreckender Präzision. Praktisch heißt Warm/Strict: freundlicher Ton + unverhandelbare Sache; Erklärung des Warum + keine Debatte über das Ob; Konsequenz heute + Neuanfang morgen."
Phase 4 · Name it (Minute 28–32)
Handout A austeilen, drei Formeln fixieren: Umformulierungs-Formel „Ich sehe [erfüllender Teil] – ich will [Zielzustand]" (+ Annahme des Guten: „Ihr habt vergessen…"). Lob-Dreiklang konkret · verdient · Prozess (und: Anerkennung ≠ Lob). Warm/Strict-Muster „Weil [Zutrauen], [Standard]." Dazu die Ökonomie-Regel: 3:1 – drei Einzahlungen pro Abhebung, gezählt, nicht gefühlt.
Phase 5 · Do it (Minute 32–52)
Runde 1 · Umformulierungs-Batterie mit Timer (Min. 32–42)
Tandems, Kartenset (Anhang 1.1): Partner A zieht und liest die Negativ-Ansage, Partner B formuliert sie LAUT und sofort um – 60 Sekunden, so viele Karten wie möglich; dann Wechsel; dann Runde 2 (Rekordjagd – Tempo automatisiert!). Moderation ruft zwischendurch die Qualitätsbremse aus: „Tempo zählt nur, wenn die Formel stimmt – Partner prüft: erfüllender Teil? Zielzustand? Kein verstecktes ‚endlich' oder ‚schon wieder'?"
Runde 2 · Precise-Praise-Werkstatt (Min. 42–48)
An den echten Schülerarbeiten: Jeder schreibt zu einer Arbeit zwei präzise Lobsätze (einen zum Ergebnis, einen zum erkennbaren Vorgehen); Tandem-Kitschkontrolle mit dem Dreiklang – „super gemacht", „toll", „schön" werden gestrichen und ersetzt.
Runde 3 · Warm/Strict-Sätze (Min. 48–52)
Jeder formuliert für zwei reale eigene Situationen (fehlende Hausaufgaben eines fähigen Schülers; schludrige Abgabe einer starken Schülerin) je einen Warm/Strict-Satz und spricht ihn laut – Partner hört auf beides: Kam die Wärme UND die Unverhandelbarkeit an?
Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)
Standard: „3:1 – auf jede Korrektur kommen drei konkrete positive Rückmeldungen. Ich zähle in EINER Stunde pro Tag ehrlich mit (Strichlisten-Kärtchen auf dem Pult) und notiere freitags meinen besten Tages-Quotienten."
Alternativen:
- Annahme-des-Guten-Woche: jede Korrektur beginnt mit „Ihr habt vergessen…"/„Ich glaube, ihr habt überhört…".
- Für Vielkritiker (Coach-Wissen): Lob-Quote nur beim anstrengendsten Schüler – ein verdientes, präzises Lob pro Tag, gezielt gesucht.
Ausblick: „Nächste Woche schließen wir Block 1: Übergänge, das Stundenende – und das Werkzeug für danach: das strukturierte Nachgespräch mit dem Schüler, dem ihr am liebsten aus dem Weg geht. Plus: euer erster Meilenstein mit Video-Selbstanalyse. Bringt euer Playbook mit – es bekommt sein Deckblatt."
Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.
4. Coaching-Woche 7 (Handreichung)
- Hospitationsfokus: Sprach-Protokoll: 10 Minuten lang jede Korrektur und jede positive Rückmeldung wörtlich mitschreiben; anschließend Quotient bilden.
- Auswertungsgespräch: Protokoll vorlegen, TN selbst zählen lassen (Selbsterkenntnis schlägt Vorhaltung); die zwei „negativsten" Sätze gemeinsam umformulieren und 2× laut sprechen. Würdigen, was schon positiv gerahmt war – mit einem präzisen Lob (Meta-Vorbild!).
- Typische Baustelle: verstecktes Gift in Umformulierungen („SCHÖN, dass jetzt auch die letzten…") → Ironie-Verbot besprechen: Ironie ist eine Abhebung im Einzahlungs-Kostüm.
- Red Flag: TN, denen positives Sprechen „unehrlich" vorkommt → klären: Es geht nicht um Schönfärben, sondern um die Beschreibung des wahren erfüllenden Teils; wenn NICHTS Wahres Positives da ist, ist das ein W2-Problem (Erwartungen zu vage, um erfüllt zu werden) – dorthin zurück.
Anhang 1: Übungsmaterial
1.1 Umformulierungs-Kartenset (10 Karten; Musterlösungen kursiv – für Moderation/SPA)
- „Hört auf zu quatschen!" → „Ich höre fast nur Stifte – ich will nur Stifte hören."
- „Warum seid ihr immer noch nicht fertig?" → „Die meisten sind bei Aufgabe 3 – noch zwei Minuten, dann vergleichen wir."
- „Immer kommst du zu spät!" → „Morgen sehe ich dich um 8:00 an deinem Platz – ich weiß, dass du das kannst." (+ privat, Stufe 4!)
- „Nicht abschreiben!" → „Eigene Lösung, eigenes Heft – ich will DEINEN Denkweg sehen."
- „Schon wieder keine Hausaufgaben, Klasse 8b!" → „Über die Hälfte hat die Hausaufgaben dabei – von den anderen sehe ich sie morgen. Ihr wisst, dass ich nachhalte." (nur wenn wahr!)
- „Du hörst mir nie zu." → „Blick zu mir, Emre – dieser Teil betrifft dich direkt."
- „Das ist doch viel zu laut hier!" → „Flüsterlautstärke – nur euer Tisch hört euch."
- „Wer jetzt nicht fertig wird, hat Pech gehabt." → „Noch drei Minuten – schreibt den Satz zu Ende, an dem ihr gerade seid."
- „Räumt endlich mal richtig auf!" → „Erstens Scheren in die Kiste, zweitens Tisch leer – zwei Tische sind schon fertig."
- „Musst du schon wieder dazwischenrufen?" → „Hand heben, warten, drankommen – du weißt, wie es geht, und deine Idee will ich hören."
1.2 Handout A: Die drei Sprachwerkzeuge
Positive Framing: „Ich sehe [erfüllender Teil] – ich will [Zielzustand]." · Annahme des Guten: „Ihr habt vergessen…" · anonym korrigieren, namentlich loben · Ironie-Verbot. Precise Praise: konkret · verdient (sonst: Anerkennung/„Danke") · prozessbezogen. Kein Lobsandwich. Warm/Strict: „Weil [Zutrauen], [Standard]." · freundlicher Ton + unverhandelbare Sache · Konsequenz heute + Neuanfang morgen. Ökonomie: 3:1, gezählt.
1.3 Strichlisten-Kärtchen (Pult-Format)
Zwei Spalten: „+ (Anerkennung/Lob, konkret)" | „– (Korrektur)". Fußzeile: „Ziel: 3:1 · Ironie zählt als –".
Anhang 2: Quiz-Material
Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)
- Die 6 Leiterstufen in Reihenfolge? (nonverbal / pos. Gruppenkorrektur / anonyme Einzelkorrektur / private Einzelkorrektur / Blitz öffentlich / Konsequenz)
- Die Einstiegsregel der Stufenwahl? (so niedrig, so kurz, so privat wie möglich – zurück zum Stoff)
- Wo stehst du bei Stillarbeit und warum? (Radar-Punkt, alle im Blick, Rücken zur Wand)
- Registerwechsel: wann formal, wann warm? (Anweisung/Korrektur formal; Gespräch/Erklärung/Lob warm)
- (Anwendung) Formuliere eine positive Gruppenkorrektur für „fünf arbeiten nicht". (z. B. „Ich sehe die meisten Stifte laufen – ich will alle sehen.")
Teil 2: Modul-Quiz Woche 7 (für SPA/Folgewoche)
F1. Warum kein Lobsandwich? a) Es kostet zu viel Zeit ✗ b) Es vergiftet Lob: Jedes Lob wird zum Vorboten von Kritik ✓ c) Lob ist grundsätzlich schädlich ✗ (Überkorrektur) d) Kritik gehört sich nicht ✗
F2. „Super gemacht!" zur bloß erledigten Routineaufgabe ist… a) motivierend – Lob schadet nie ✗ (DER Kernmythos) b) Lob-Inflation – Anerkennung („Danke") hätte gereicht ✓ c) in Ordnung bei schwachen SuS ✗ (gut gemeinte Abwertung!) d) manipulativ ✗
F3. „Du bist einfach ein Naturtalent in Deutsch!" – Risiko? a) keins, Persönlichkeitsstärkung ✗ b) Personen-Lob wird bei der nächsten schweren Aufgabe zur Identitäts-Hypothek ✓ c) andere werden neidisch ✗ (teilrichtig, nicht der Kern) d) Eltern beschweren sich ✗
F4. „SCHÖN, dass jetzt auch die Letzten ihr Buch gefunden haben" ist… a) Positive Framing ✗ (die Tarnung!) b) Ironie – eine Abhebung im Einzahlungs-Kostüm ✓ c) präzises Lob ✗ d) neutral ✗
F5. Warm/Strict bedeutet: a) mal warm, mal streng – je nach Tagesform abwechseln ✗ (das ODER) b) gleichzeitig: hoher Standard als Ausdruck von Zutrauen ✓ c) streng zu Jungen, warm zu Mädchen ✗ d) streng im Unterricht, warm in der Pause ✗ (plausibel klingende Trennung)
F6 (Transfer, Freitext): Ein leistungsstarker Schüler gibt eine hingeschluderte Arbeit ab. Formuliere deine Rückmeldung als Warm/Strict-Satz plus einen präzisen Prozess-Hinweis. (Muster: „Weil ich weiß, was du kannst, nehme ich das so nicht an – bis morgen mit Proberechnung. Dein Ansatz in Aufgabe 2 war übrigens der eleganteste im Kurs: DEN will ich sauber ausgeführt sehen.")
Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 7"
- Hook (2 Min.): Das Beziehungskonto als interaktive Grafik – Nutzer schätzt den Kontostand beim eigenen anstrengendsten Schüler (Slider), App zeigt die 3:1-Logik.
- See it (4 Min.): Die Zwei-Spalten-Tafel als Audio (identischer Ton!) – Aufgabe: „Welche Version macht welches Verhalten zur Norm?"
- Name it (3 Min.): Drei Formel-Karten; Zuordnungsspiel: 9 Lehrersätze → Framing / Lob / Warm-Strict / Ironie-Falle / Lobsandwich.
- Do it – Umformulierungs-Trainer mit Timer (7 Min., Gamification-Kern!): Kartenset aus Anhang 1.1 als Level; 60-Sekunden-Modus mit Highscore; Freitext-Eingabe wird gegen Formel-Heuristik geprüft (erfüllender Teil? Zielzustand? Giftwörter „endlich/schon wieder/immer" = Abzug).
- Lob-Qualitäts-Check: Lob eintippen → Dreiklang-Ampel (konkret? verdient? Prozess?) mit Verbesserungsvorschlag; Kitsch-Wortliste hinterlegt.
- 3:1-Tracker (Tracker-Engine): digitale Strichliste je Stunde; Wochendiagramm; Erinnerung „Heute schon eingezahlt bei [Name des roten Kontos]?" (Name lokal gespeichert).
- Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen (Module 1–6); F2/F5 sind Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular mit Quotienten-Eingabe pro Tag.