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Skript Woche 6: „100 % & die Interventionsleiter

Skript Woche 6: „100 % & die Interventionsleiter"

60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Wie reagiere ich auf kleine Störungen, ohne den Unterricht zu unterbrechen?
Kernquellen Lemov T55 (Least Invasive Intervention), Teacher Radar / „Pastore's Perch"; Lovell/Dowley, Routine 9 (Responding to low-level disruption)
Funktion im Jahr Das meistgewünschte Modul des Blocks – hier zahlt sich alles Vorherige aus: Erwartungen (W2) definieren, WAS eine Störung ist; Präsenz (W5) trägt jede Stufe. Die Leiter wird Referenzwerkzeug für W7 (Positiv-Rahmung der Stufen 2–3), W23 (hartnäckige Verweigerung) und W30 (Eskalation jenseits der Leiter). Direkt anschließend: Gruppenhospitation 1.
Lernziele Die TN können:
1. das 100 %-Prinzip begründen,
2. die sechs Stufen der Interventionsleiter in Reihenfolge anwenden und bewusst auf der kleinsten wirksamen einsteigen,
3. ihre Raumposition und ihr Scannen als präventives Radar gestalten.
Sitzungstyp Technik-Training mit dem intensivsten Rollenspiel des Blocks (Stufen-Karussell).

2. Vorbereitung

Raum: Spielfläche mit 6 Stühlen in Klassenformation; A3-Poster der Leiter (wird entwickelt, nicht fertig aufgehängt – die Tafel-Entwicklung ist Teil der Didaktik); Sitzplan-Blankos.

Material (Checkliste):


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).

Phase 2 · Brücke & das 97 %-Problem (Minute 8–13)

Moderationstext: „Anker-Woche: Wer hat seinen Reset-Anker gebraucht – und hat er gehalten? Eine Stimme genügt." [1 Min.] „Jetzt ein Gedankenexperiment. Ihr gebt eine Anweisung: ‚Stifte weg, Blick zu mir.' 26 von 29 folgen. Drei schreiben weiter. Ihr fahrt fort – ist ja fast alles still, 90 Prozent, gute Quote. Frage an euch: Was habt ihr der Klasse gerade beigebracht?" [Sammeln lassen – jemand wird es treffen.] „Genau: Ihr habt öffentlich neu verhandelt, für wen Anweisungen gelten. Ab jetzt ist die spannende Frage jeder Anweisung nicht mehr OB sie gilt, sondern für WEN. Und diese Verhandlung führt ihr dann jede Stunde neu – mit wechselnden Dreiergruppen. Das ist Modell 4 in Reinform: Die Ausnahme wird zur Norm, wenn sie folgenlos sichtbar ist. Deshalb heißt das heutige Prinzip 100 %. Und bevor jemand erschrickt: 100 % erreicht man nicht mit Härte. Man erreicht es mit dem GEGENTEIL – mit Interventionen, die so klein sind, dass sie den Unterricht gar nicht erst unterbrechen. Das ist die Leiter."

Phase 3 · Input (Minute 13–28)

3a · See it: Eine Störung, drei Antworten (Min. 13–17)

Moderation spielt dieselbe Szene dreimal (2 TN „tuscheln" bei Stillarbeit):

„A hat die Störung besiegt und die Stunde gleich mit. B hat die Stunde geschont und die Störung gedüngt. C hat beides erhalten – und das ist der ganze Trick: die kleinste Intervention, die wirkt, so leise wie möglich, und der Unterricht läuft WEITER."

3b · Die Leiter entwickeln (Min. 17–25) — an der Tafel, Stufe für Stufe, mit je einem Wortlaut-Beispiel

„Stufe 1: Nonverbal. Blick, kleine Geste, Nähe – während ihr weitersprecht. Löst nach meiner Erfahrung und nach Lemovs Videostudien die große Mehrheit aller Kleinstörungen. Kostet: null Unterrichtszeit. Stufe 2: Positive Gruppenkorrektur. Ihr beschreibt, was fast alle richtig tun: ‚Ich sehe fast alle Stifte laufen.' Kein Name, kein Vorwurf – die Norm wird sichtbar gemacht, die Nachzügler docken an. Warum das POSITIV formuliert wird, vertiefen wir nächste Woche. Stufe 3: Anonyme Einzelkorrektur. ‚Zwei fehlen noch.' Jetzt weiß jeder Betroffene, dass er gemeint ist – aber niemand sonst weiß es. Gesichtswahrung ist keine Weichheit, sie ist Effizienz: Wer sein Gesicht verliert, kämpft um es zurück. Vor Publikum. Modell 4. Stufe 4: Private Einzelkorrektur. Leise, am Platz, im Vorbeigehen, halbe Hocke: ‚Emre, Stift raus, Aufgabe 2 – danke.' Formales Register, drei Sekunden, weitergehen. Stufe 5: Blitzschnelle öffentliche Korrektur. Wenn es öffentlich sein muss, dann kurz und What-to-Do: ‚Emre – Aufgabe 2.' Name plus Handlung, zwei Sekunden, sofort weiter im Stoff. Keine Rede, keine Geschichte, kein ‚immer du'. Stufe 6: Konsequenz. Schulkonform, angekündigt, ruhig, klein wie möglich – und danach ist die Sache verbucht, nicht nachgetragen. Zu Konsequenzketten kommen wir ausführlich in Woche 30; heute reicht: Die Leiter davor sorgt dafür, dass ihr diese Stufe selten braucht. Die Einstiegsregel: so niedrig wie möglich, so kurz wie möglich, so privat wie möglich – und danach sofort zurück zum Stoff. Und für erfüllte Anweisungen gilt: Anerkennung, kein Festakt. Ein ‚Danke' genügt – wer Grundverhalten bejubelt, erklärt es zur Ausnahme."

3c · Das Radar (Min. 25–28)

„Die beste Intervention ist die, die ihr nicht braucht, weil ihr früh dran wart. Zwei Gewohnheiten: Erstens Position – bei Stillarbeit steht ihr dort, wo ihr ALLE seht, Rücken zur Wand, gern die hintere Ecke: Lemov nennt das Pastore's Perch, benannt nach einer Lehrerin, die von dort ihre Klasse las wie ein Buch. Wer nur vorn steht, hat einen toten Winkel von der halben Klasse. Zweitens Scannen als Gewohnheit – nach jeder Anweisung wandert der Blick einmal komplett durch den Raum. Nicht misstrauisch – aufmerksam. Die Klasse merkt den Unterschied zwischen einer Lehrkraft, die guckt, und einer, die SIEHT."

Phase 4 · Name it (Minute 28–32)

Leiter-Poster aufhängen (Sicherung der Tafel-Entwicklung); Einstiegsregel als Merksatz wiederholen; Handout A austeilen. Kurze Verständnisprüfung per Fingerzeichen: Moderation nennt 4 Mini-Situationen, TN zeigen die Einstiegs-Stufe (1–6) – Abweichungen kurz diskutieren (Kalibrierung).

Phase 5 · Do it (Minute 32–52)

Runde 1 · Stufen-Karussell (Min. 32–44)

Vierergruppen: Dieselbe Störung (2 SuS tuscheln bei Stillarbeit) wird nacheinander auf Stufe 1, 2, 3 und 4 gespielt – jeder TN übernimmt eine Stufe als Lehrkraft und muss dabei WEITERUNTERRICHTEN (die Regie gibt einen Erklär-Auftrag: „Du erläuterst gerade die Hausaufgabe"). Beobachter-Checkfragen: Kleinste Stufe sauber ausgeführt? Unterricht lief weiter? Ton neutral-formal (W5!)? Nach jedem Durchgang 60 Sek. Feedback + Sofort-Wiederholung der Schwachstelle. (Stufe 5 wird einmal von der Moderation demonstriert – „Name + Handlung, zwei Sekunden" – aber nicht von allen geübt: Die Verlockung, gleich öffentlich zu korrigieren, soll nicht trainiert werden.)

Runde 2 · Radar-Übungen (Min. 44–52)

Ablauf:

  1. Positions-Planung (4 Min.): Auf dem eigenen Sitzplan-Blanko markieren: Stillarbeits-Standort (alle sichtbar?), Erklär-Standort, die tote Ecke des eigenen Raums.
  2. Scan-Training (4 Min.): Videoclip/Beschreibungskarte – die 4 Mikro-Störungen finden, für jede die Einstiegs-Stufe nennen und begründen (Plenum, hohes Tempo).

Phase 6 · Action Step & Hospitationsvorbereitung (Minute 52–58)

Standard: „Bei Stillarbeit interveniere ich diese Woche IMMER zuerst nonverbal (Blick/Nähe) und zähle abends: Wie oft hat Stufe 1 gereicht? Zusätzlich stehe ich bei Stillarbeit an meinem geplanten Radar-Punkt."

Alternativen:

  1. Stufen-Tagebuch: 3 Störungen pro Tag notieren – genutzte Stufe + hätte eine kleinere gereicht?;
  2. für TN mit „Overkill-Neigung" (aus W5-Coaching bekannt): eine Woche Verbot der Stufen 5–6 außer bei Sicherheitsthemen.

Gruppenhospitation 1 (3 Min.): Termin bestätigen, Gastgeber-Lehrkraft nennen, Beobachtungsbogen (Anhang 3) austeilen und die drei Spalten erklären; Regeln: beschreiben statt bewerten, Handys weg, Dank an den Gastgeber; Nachbesprechung 30 Min. direkt im Anschluss.

Ausblick: „Nächste Woche drehen wir die Medaille um: Wie ihr korrigiert, sodass die Beziehung dabei WÄCHST – Positive Framing, präzises Lob, und warum ‚streng UND warm' kein Widerspruch ist, sondern das Ziel."

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.


4. Coaching-Woche 6 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Leiter-Referenzkarte (mit Wortlaut-Beispielen)

Stufe Werkzeug Beispiel-Wortlaut / Aktion Kostet Unterrichtszeit?
1 Nonverbal Blick halten (2 Sek.) · Geste „Stift" · Nähe beim Weitersprechen nein
2 Positive Gruppenkorrektur „Ich sehe fast alle Stifte laufen." 2 Sek.
3 Anonyme Einzelkorrektur „Zwei fehlen noch." 2 Sek.
4 Private Einzelkorrektur leise, am Platz: „Emre – Stift raus, Aufgabe 2. Danke." 3 Sek., ohne Publikum
5 Blitz-Korrektur öffentlich „Emre – Aufgabe 2." (Name + Handlung, sofort weiter) 2 Sek.
6 Konsequenz schulkonform, ruhig angekündigt, klein; danach verbucht variabel

Einstiegsregel: so niedrig, so kurz, so privat wie möglich – sofort zurück zum Stoff. Anerkennung: erfülltes Grundverhalten → „Danke", kein Jubel.

1.2 Sitzplan-Blanko: Radar-Planung

Felder: Stillarbeits-Standort (Stern) · Erklär-Standort (Kreis) · tote Ecke (schraffieren) · Laufweg-Skizze (Pfeile) · „Meine 2–3 Frühwarn-Plätze" (SuS, bei denen Störungen typischerweise beginnen – diskret!).

1.3 Scan-Trainings-Beschreibungskarte (Fallback ohne Video)

Stillarbeit, Minute 12:

  1. Reihe 3 links: zwei Köpfe zueinander, Flüstern.
  2. Fensterreihe hinten: ein Schüler zeichnet, Heft leer.
  3. Mitte: eine Schülerin sucht seit 2 Min. im Rucksack.
  4. Vorn rechts: Handy halb unter dem Oberschenkel.

— Aufgabe: Für jede Beobachtung Einstiegs-Stufe + Begründung. (Muster: 1→Stufe 1 Nähe; 2→Stufe 1 Blick/Nähe, ggf. 4 mit Arbeitsimpuls; 3→Stufe 4 leise Hilfe/Impuls – vermutlich keine Störung, sondern Orientierungslosigkeit!; 4→Stufe 4 privat, schulkonforme Handyregel, ruhig.)


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)

  1. Die 4 Präsenz-Stellschrauben? (Stand · Register · Wortzahl/Pausen · emotionale Konstanz)
  2. Was heißt Emotional Constancy praktisch? (berechenbar-ruhige Reaktion; Ärger wird kein Steuerknopf)
  3. Der Vierercheck für Anweisungen? (konkret, sequenziell, beobachtbar, ≤12 Wörter/Schritt)
  4. Welche Norm unterrichtet eine durchgewunkene Begrüßungsroutine? („halbherzig reicht hier")
  5. (Anwendung) Dein Reset-Anker in einem Satz. (Auslöser → Körperanker → innerer Satz)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 6 (für SPA/Folgewoche)

F1. Zwei SuS tuscheln bei Stillarbeit. Erste Wahl: a) Namen nennen und ermahnen – Klarheit hilft ✗ (Overkill-Reflex) b) Blick/Nähe, dabei weiterunterrichten ✓ c) ignorieren – ist ja nicht schlimm ✗ (Normalisierungs-Falle) d) beide sofort auseinandersetzen ✗

F2. Warum ist 97 % Befolgung ein Problem? a) Ist es nicht – Perfektion ist unrealistisch ✗ (klingt vernünftig und erwachsen!) b) Die sichtbare, folgenlose Ausnahme wird zur verhandelbaren Norm ✓ c) Weil Kontrolle an sich wichtig ist ✗ d) Wegen der Aufsichtspflicht ✗

F3. „Zwei fehlen noch" (Stufe 3) wirkt, weil… a) es Druck auf alle ausübt ✗ b) die Gemeinten es wissen, aber ihr Gesicht wahren ✓ c) es lustig ist ✗ d) niemand gemeint sein könnte ✗

F4. Ein Schüler erfüllt nach Stufe 4 die Anweisung. Du… a) lobst ihn ausführlich vor der Klasse ✗ (Jubel-Falle: erklärt Grundverhalten zur Ausnahme) b) nickst/„danke" – und weiter ✓ c) sagst nichts, um ihn nicht zu verwöhnen ✗ d) erinnerst ihn ans letzte Mal ✗ (Nachtreten)

F5. Bei Stillarbeit stehst du am besten… a) vorn am Pult – da gehört die Lehrkraft hin ✗ (Gewohnheits-Distraktor) b) mit Rücken zur Wand, alle im Blick (z. B. hintere Ecke) ✓ c) ständig gehend, ohne Muster ✗ (teilrichtig – Circulate kommt in W13, aber „ohne Muster" ist der Fehler) d) draußen vor der Tür ✗

F6 (Transfer, Freitext): Minute 20, Stillarbeit: Ein Schüler pfeift leise vor sich hin, zwei andere grinsen schon. Beschreibe deine ersten zwei Züge inkl. Begründung der Stufenwahl. (Muster: Stufe 1 – Nähe + Blick beim Weitergehen; wirkt es nicht in ~10 Sek.: Stufe 4 – leise, privat: „Ohne Pfeifen, danke." Begründung: klein starten, Publikum entziehen, Unterricht läuft weiter.)


Anhang 3: Beobachtungsbogen Gruppenhospitation 1

Fokus: Stundenstart · Anweisungen · Interventionsleiter. Regeln: beschreiben, nicht bewerten; Wortlaute notieren; Dank an Gastgeber.

Spalte A: Wortlaut-Protokoll erste 5 Minuten Spalte B: Interventions-Strichliste (Stufe 1–6) Spalte C: „Ein Satz/Move, den ich klaue"
(Gruß, Setz-Signal, Starter-Satz, erste Anweisungen möglichst wörtlich) (jede beobachtete Intervention einer Stufe zuordnen) (konkret + wann ich ihn einsetze)

Nachbesprechung (30 Min.): Runde 1: nur Spalte A/B vorlesen (beschreibend). Runde 2: Spalte C reihum. Runde 3: „Welche Stufe will ich ab morgen häufiger nutzen – und in welcher Klasse?"


Anhang 4: Ableitung für die SPA „Modul 6"

  1. Hook (2 Min.): Das 97 %-Gedankenexperiment als interaktive Frage („Was hat die Klasse gelernt?" – Freitext, dann Auflösung).
  2. See it (5 Min.): Die Drei-Antworten-Szene (A/B/C) als Videoclips oder animierte Sequenzen; Nutzer wählt nach jeder: „Was hat diese Antwort gekostet?"
  3. Name it (4 Min.): Leiter als interaktive Grafik – Stufen antippen → Wortlaut-Beispiel + Kosten; Reihenfolge-Sortierspiel.
  4. Do it – Interventions-Simulator (8 Min., Engine!): 8 Störungs-Szenarien (inkl. Anhang 1.3) → Stufe wählen → Konsequenz-Feedback mit Begründung (zu hoch eingestiegen → „Stunde unterbrochen, Gesichtsverlust-Risiko"; zu niedrig/zu lange gewartet → „Norm wächst"); Punktesystem: kleinste wirksame Stufe.
  5. Radar-Spiel: 360°-Klassenraum-Illustration → Standort wählen → App zeigt Sichtfeld/tote Winkel; eigener Sitzplan als Foto annotierbar.
  6. Störungs-Tagebuch (Tracker-Engine): täglich: Störung + genutzte Stufe + „hätte kleiner gereicht?" → Wochenauswertung als Stufen-Verteilungsdiagramm (Ziel-Trend: Verschiebung nach links).
  7. Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen (Module 1–5); F2 und F4 sind die Langzeit-Anker. Abschluss: Action-Step-Formular mit Abend-Zählfeld („Wie oft hat Stufe 1 gereicht?").