Skript Woche 5: „Präsenz – Körper, Stimme, Selbstregulation"
60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II
1. Überblick
| Leitfrage | Wie wirke ich ruhig und souverän – auch wenn ich es (noch) nicht bin? |
| Kernquellen | Lovell/Dowley, Prinzip 4 („Master your own behaviour") und Routine 3 (Selbstregulation); Lemov T57 (Strong Voice / Register), T62 (Emotional Constancy) |
| Funktion im Jahr | Das „Instrument" der Lehrkraft selbst. Liefert die körperlich-stimmliche Grundlage, auf der Signal (W4) und Interventionsleiter (W6) erst wirken. Der Reset-Anker wird zum persönlichen Werkzeug für alle Eskalationssituationen (W30). Erste Sitzung mit optionaler Selbst-Videoaufnahme – Vorübung für die Videoselbstanalyse in W8. |
| Lernziele | Die TN können: 1. die vier Präsenz-Stellschrauben (Stand, Register, Wortzahl/Pausen, emotionale Konstanz) benennen und demonstrieren, 2. bewusst zwischen formalem und warmem Register wechseln, 3. haben einen persönlichen Reset-Anker für Stressmomente gebaut und dreimal durchgespielt. |
| Sitzungstyp | Körper-Training. Ungewöhnlichste Sitzung des Blocks – die Moderation kündigt das an und rahmt es („heute arbeiten wir wie im Theater, aus gutem Grund"). |
2. Vorbereitung
Raum: Viel freie Fläche (Stühle an den Rand); Dreiergruppen-Inseln. Diskretion beachten: Körper- und Stimmübungen sind für manche TN heikler als jedes Rollenspiel – Gruppen dürfen sich Ecken suchen, niemand muss vor dem Plenum.
Material (Checkliste):
- Retrieval-Quiz liegt aus
- Handout A: Körper-Labor-Anleitung mit Beobachtungsraster (Anhang 1.1)
- Handout B: Reset-Anker-Karte (Anhang 1.2), stabiler Karton (soll ins Mäppchen/Portemonnaie passen!)
- Störkarten-Set C: „Provokationen" (Anhang 1.3), verdeckt
- Optional: TN-Handys für Selbst-Clips (vorher ankündigen: freiwillig, Clips bleiben auf dem eigenen Gerät)
3. Ablauf im Detail (60 Minuten)
Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.
Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).
Phase 2 · Brücke & Rahmung (Minute 8–12)
Moderationstext: „Kurz zur Signal-Woche: Wer hat sein Signal eingeführt – und wie war die Probe mit der Klasse? Zwei Stimmen." [2 Min.] „Heute wird es körperlich, und ich sage euch, warum. Ihr habt jetzt drei Wochen lang Wortlaute gelernt – aber jeder Wortlaut wird von einem Körper gesprochen. Derselbe Satz, einmal im Gehen genuschelt, einmal im Stand mit Pause davor, ist nicht derselbe Satz. Die unbequeme Nachricht zuerst: Eure Klasse liest euren Körper schneller als eure Worte. Die gute Nachricht sofort hinterher: Der Körper ist trainierbar. Souveränität ist zu einem erstaunlich großen Teil kein Charakterzug, sondern eine Sammlung von Verhaltensweisen – Stand, Stimme, Tempo, Pausen. Ihr müsst nicht jemand anderes WERDEN. Ihr müsst ein paar Dinge anders TUN. Heute probieren wir sie aus – ja, es wird sich zweimal albern anfühlen, ihr kennt die Regel."
Phase 3 · Input (Minute 12–26)
3a · See it: Die Vier-Varianten-Demo (Min. 12–17)
Moderation spricht denselben Satz („Bücher zu. Stifte weg. Blick zu mir.") in vier Varianten, TN notieren nach jeder ein Wirkungswort:
- Im Gehen, nebenbei Blätter sortierend, schnell.
- Stehend, aber mit 30 Wörtern Verpackung drumherum („Also, ähm, wenn ihr jetzt vielleicht mal langsam…").
- Stehend, knapp, aber mit hochgezogener, fragender Satzmelodie am Ende.
- Fester Stand, 2 Sekunden Pause davor, ruhig, tief, Satzenden fallen ab, danach Stille.
Auswertung: Wirkungswörter sammeln (typisch: 1 = „gehetzt/unwichtig", 2 = „unsicher", 3 = „bittend", 4 = „klar/gilt"). „Merkt euch: Variante 4 war nicht lauter. Sie war langsamer, stiller und tiefer. Autorität ist fast nie Lautstärke – Lautstärke ist meistens ihr Ersatz."
3b · Die vier Stellschrauben (Min. 17–23)
„Erstens: Stillstand. Wichtige Ansagen im festen Stand, Füße geerdet, Hände ruhig – kein Nebenbei-Laufen, kein Material-Sortieren. Bewegung sagt ‚nebenbei', Stillstand sagt ‚jetzt'. Im Englischen heißt das square up: Schultern zur Klasse, voll zugewandt. Zweitens: Register. Ihr habt zwei Sprechmodi, und der Wechsel ist das Werkzeug. Das formale Register für Anweisungen: ruhig, eher tief, wenige Worte, Pausen, Satzenden fallen ab – eine Aussage, keine Bitte. Das warme Register für Gespräch, Erklärung, Lob: beweglicher, heller, näher. Wer immer warm spricht, dem fehlt der Schalter für Ernst; wer immer formal spricht, wird zur Maschine. Der WECHSEL macht beides bedeutsam. Drittens: Wortzahl und Pausen – kennt ihr aus letzter Woche, heute die Körperseite: Die Pause VOR dem Satz erzeugt Aufmerksamkeit, die Pause DANACH erzeugt Verbindlichkeit. Wer sofort weiterredet, entwertet, was er gerade gesagt hat. Viertens: Emotionale Konstanz. Eure Klasse darf euch ärgern – sie darf es nur nicht MERKEN dürfen, dass es sie steuert. Ärger in der Stimme ist für eine Klasse ein Signal mit zwei Lesarten: ‚Es wird ernst' – oder, häufiger: ‚Wir haben einen Knopf gefunden.' Modell 4 aus Woche 1: Vor der Gruppe gelten Gruppengesetze; wer den Knopf kennt, drückt ihn. Konstanz heißt nicht Gefühllosigkeit – sie heißt: Die Reaktion ist berechenbar und professionell, der Ärger wird später und privat verarbeitet."
3c · Selbstregulation: der Reset-Anker (Min. 23–26)
„Bleibt die Frage: Wie bleibt man konstant, wenn innen der Puls auf 140 geht? Antwort: nicht durch Willenskraft im Moment, sondern durch einen VORBEREITETEN Mini-Ablauf – Lovell nennt das Selbstregulations-Routine. Drei Teile: ein Auslöser, den ihr kennt (‚freche Antwort vor der Klasse'), ein Körperanker (langsam ausatmen, Fersen im Boden spüren – dauert zwei Sekunden, sieht nach nichts aus), ein innerer Satz (‚Ruhig. Ich habe Zeit. Es ist nicht persönlich.'). Erst der Anker, dann die Reaktion. Zwei Sekunden Verzögerung sind kein Autoritätsverlust – sie SIND die Autorität."
Phase 4 · Name it (Minute 26–30)
Präsenz-Checkliste an der Tafel: Stand fest & zugewandt? · Hände ruhig? · Register bewusst gewählt? · Pause davor + danach? · Satzende unten? · Bei Provokation: erst Anker, dann Reaktion?
Merksatz: „Erst der Körper, dann das Signal, dann die Worte – und bei Sturm: erst der Atem."
Phase 5 · Do it (Minute 30–52)
Runde 1 · Körper-Labor (Min. 30–41, Dreiergruppen)
Nach Handout A: Jeder spricht die Standard-Ansage in den 4 Varianten (bewusst auch die schlechten – Kontrast lehrt!), die zwei Beobachter geben NUR Wirkungs-Feedback aus dem Raster („wirkte auf mich: …"). Danach 2 freie Durchgänge nur in Variante 4, Feinschliff: Satzende, Pause, Stand. Registerwechsel-Übung: dieselbe Person spricht direkt hintereinander eine formale Ansage und ein warmes Lob – der hörbare Schalter ist das Lernziel.
Runde 2 · Reset-Anker bauen & härten (Min. 41–52)
Ablauf:
- 4 Min. Einzelarbeit: Anker-Karte ausfüllen (Handout B).
- 8 Min. Härtetest in Dreiergruppen: Beobachter zieht Störkarte C und spielt die Provokation, die übende Person durchläuft sichtbar (!) ihren Anker und reagiert dann formal-ruhig; 3 Durchgänge pro Person, Provokation steigert sich leicht.
Feedback-Fokus: War die Reaktion konstant im Ton? Kam sie NACH dem Anker (nicht reflexhaft)? Optional: dritten Durchgang per Handy filmen, sofort selbst ansehen (30 Sek.), ein eigenes Aha notieren.
Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)
Standard: „Vor jeder wichtigen Anweisung diese Woche: stehen bleiben, ausatmen, dann sprechen – und Satzenden bewusst nach unten. Ich notiere abends in einem Satz, wie es sich angefühlt hat."
Alternativen:
- Register-Tagebuch: täglich eine Situation notieren, in der bewusst gewechselt wurde;
- Anker-Woche: Reset-Anker bei jeder aufkommenden Gereiztheit einsetzen, Strichliste.
Ausblick: „Nächste Woche das Modul, auf das viele von euch seit Woche 1 warten: Was tue ich konkret bei Störungen – die komplette Interventionsleiter, von der Augenbraue bis zur Konsequenz. Euer heutiges Werkzeug ist dafür die Grundierung: Ohne ruhigen Körper wirkt keine Stufe."
Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.
4. Coaching-Woche 5 (Handreichung)
- Hospitationsfokus: 2–3 Ansage-Momente; Protokoll je Moment: Stand oder Bewegung? Pause davor? Satzmelodie? Wortzahl grob?
- Sensibel auswerten: Körper-Feedback ist persönlicher als Technik-Feedback. Immer über die WIRKUNG sprechen („Die Ansage um 9:12 kam im Stand mit Pause – die Klasse reagierte in 3 Sekunden; die um 9:31 im Gehen – sie verpuffte"), nie über die Person („Du wirkst unsicher").
- Übung im Gespräch: Die schwächste protokollierte Ansage 2× im Coaching nachsprechen lassen – erst Original, dann Variante 4.
- Red Flag: TN, die von echten Kontrollverlust-Momenten berichten (Schreien, Rausrennen) → Anker gemeinsam verfeinern, Entlastung normalisieren („passiert im ersten Jahr fast allen"), ggf. Frequenz der Coaching-Kontakte kurzfristig erhöhen; bei Erschöpfungssignalen an schulische Unterstützung erinnern.
Anhang 1: Übungsmaterial
1.1 Handout A: Körper-Labor
Standard-Ansage: „Bücher zu. Stifte weg. Blick zu mir." Die 4 Varianten: ① gehend + nebenbei ② stehend + 30 Wörter Verpackung ③ stehend + fragende Melodie ④ Stand + Pause + ruhig/tief + Stille danach. Beobachtungsraster (nur ankreuzen/ein Wort): wirkte … gehetzt / unsicher / bittend / klar / drohend / gleichgültig. Zusatzbeobachtung: Wo waren die Hände? Wohin ging der Blick? Feedbackregel: Nur Wirkung („wirkte auf mich …"), keine Persönlichkeitsurteile. Nach dem Feedback: sofort ein Wiederholungsdurchgang.
1.2 Handout B: Reset-Anker-Karte (Format A7, zum Einstecken)
- Mein Auslöser (die Situation, die mich am schnellsten hochbringt): …
- Mein Körperanker (2 Sekunden, unsichtbar): … (Beispiele: langsam ausatmen · Fersen spüren · Daumen drückt Zeigefinger · Schulterblätter sinken lassen)
- Mein innerer Satz: … (Beispiele: „Ruhig. Ich habe Zeit." · „Nicht persönlich – Modell 4." · „Erst atmen, dann handeln.")
- Meine erste äußere Reaktion danach (formal, kurz): …
1.3 Störkarten-Set C: Provokationen (Regieanweisungen, Steigerung von C1 zu C3)
- C1 „Der Augenroller": Auf eine Arbeitsanweisung hin demonstratives Augenrollen + hörbares Seufzen. (Lernziel: nonverbal registrieren, NICHT kommentieren; Anweisung gilt weiter.)
- C2 „Der Kommentator": Halblaut zur Nachbarin: „Boah, ist das wieder sinnlos heute." (Lernziel: Anker → Entscheidung: überhören + später privat, oder kurze formale Ansage ohne Debatte – beides gültig, Hauptsache ruhig.)
- C3 „Der Frontalangriff": Laut, an die Lehrkraft: „Das bringt doch eh nichts, was Sie hier machen!" (Lernziel: Anker sichtbar durchlaufen; formal + kurz: „Das besprechen wir nach der Stunde. Jetzt: Aufgabe 2." – KEINE inhaltliche Verteidigung vor Publikum; W.I.N. folgt in W8.)
Anhang 2: Quiz-Material
Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)
- Der Anweisungs-Vierercheck? (konkret, sequenziell, beobachtbar, ≤ 12 Wörter/Schritt)
- Warum nie gegen Unruhe sprechen? (adelt die Unruhe; Norm „zuhören optional")
- Teilschritt 3 der Begrüßungsroutine und seine Begründung? (Warten auf 100 % – sonst Norm „halbherzig reicht")
- Was ist Brighten the Lines? (scharfe Start-/Endsignale für Arbeitsphasen)
- (Anwendung) Formuliere ein Endsignal für eine Gruppenarbeit. (z. B. Signal + „Stopp – Stifte weg, Blick zu mir. Gruppensprecher bleiben gleich dran.")
Teil 2: Modul-Quiz Woche 5 (für SPA/Folgewoche)
F1. Autorität im Klassenzimmer ist vor allem… a) eine Frage der Persönlichkeit – man hat es oder nicht ✗ (DER Kernmythos, Bill-Rogers-Echo) b) trainierbares Verhalten: Stand, Register, Pausen, Konstanz ✓ c) eine Frage von Körpergröße und Lautstärke ✗ d) reine Erfahrungssache ✗
F2. Ein Schüler kommentiert dich laut und frech vor der Klasse. Erster Schritt: a) sofortige scharfe Erwiderung – Schwäche zeigen geht nicht ✗ (Reflex + Ehrgefühl) b) Anker (ausatmen), dann formal und kurz: Klärung nach der Stunde ✓ c) grundsätzlich ignorieren ✗ (Normalisierungs-Falle) d) die Klasse fragen, was sie davon hält ✗
F3. Deine Ansage endet stimmlich „oben" (wie eine Frage). Wirkung: a) freundlich und einladend – gut so ✗ (Höflichkeits-Verwechslung) b) sie klingt wie eine Bitte und wird verhandelbar ✓ c) keine – Melodie ist egal ✗ d) motivierend für Schüchterne ✗
F4. „Emotionale Konstanz" bedeutet: a) keine Gefühle zeigen, nie ✗ (Roboter-Strohmann) b) berechenbare, ruhige Reaktionen; Ärger wird nicht zum Steuerknopf der Klasse ✓ c) immer freundlich lächeln ✗ d) Störungen nicht ernst nehmen ✗
F5. Der Reset-Anker wirkt, weil… a) Atmen beruhigt eben ✗ (teilrichtig, aber nicht der Kern) b) ein VORBEREITETER Ablauf im Stressmoment abrufbar ist – Willenskraft allein ist es nicht ✓ c) die Klasse ihn sieht und sich fürchtet ✗ d) er Zeit schindet ✗
F6 (Transfer, Freitext): Beschreibe deine Reaktion auf C3 („Das bringt doch eh nichts!") in vier Schritten – Körper, innerer Satz, Wortlaut, Nachbereitung. (Muster: Fersen/Ausatmen → „Nicht persönlich" → formal: „Das klären wir nach der Stunde. Jetzt: Aufgabe 2." → W.I.N.-Gespräch nach der Stunde, Vorfall ggf. notieren.)
Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 5"
- Hook (2 Min.): Vier Audio-Aufnahmen derselben Ansage (die 4 Varianten) – Nutzer ordnet Wirkungswörter zu, App löst auf: „Variante 4 war die leiseste."
- See it (5 Min.): Video-Kontrastpaar oder animierte Figur (Stand/Gehen, Pausenbalken sichtbar als Timeline); Registerwechsel als hörbares Beispielpaar.
- Name it (3 Min.): Präsenz-Checkliste als Karten; Zuordnungsspiel Audio → verletzte Stellschraube.
- Do it – Selbstaufnahme-Übung (8 Min., Kern!): App fordert auf, die Standard-Ansage 2× aufzunehmen (Variante nach Wahl vs. Variante 4); Selbst-Analyse mit Checkliste (optional: automatische Sprechtempo-/Pausenanzeige, falls technisch machbar; sonst geführte Selbstbewertung). Datenschutz: Aufnahme bleibt lokal.
- Reset-Anker-Builder: Die 4 Kartenfelder digital; Export als Sperrbildschirm-Bild/Karte.
- Szenario-Simulator: C1–C3 als eskalierender Entscheidungsbaum; Verzweigungslogik belohnt „Anker vor Reaktion" und „kurz + formal + vertagen".
- Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen (Module 1–4). Abschluss: Action-Step-Formular mit Abend-Journal-Feld (1 Satz/Tag).