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Skript Woche 4: „Aufmerksamkeit einholen & glasklare Anweisungen

Skript Woche 4: „Aufmerksamkeit einholen & glasklare Anweisungen"

60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Wie bekomme ich 30 Menschen in fünf Sekunden still – und wie gebe ich Anweisungen, die wirklich ankommen?
Kernquellen Lovell/Dowley, Routine 4 (Gaining attention); Lemov T52 (What to Do), T28 (Brighten the Lines); Sprachökonomie (Lovell/Lemov)
Funktion im Jahr Zweites Kernwerkzeug der Klassenführung. Das Aufmerksamkeitssignal wird zur Voraussetzung fast aller späteren Techniken (Übergänge W8, Turn-and-Talk-Endsignal W24, Whiteboard-Routine W25). Der What-to-Do-Standard nutzt direkt das „vage→spezifisch"-Handwerk aus W2.
Lernziele Die TN können:
1. ein Aufmerksamkeitssignal regelkonform etablieren und durchhalten (Signal → Warten → 100 % → sprechen),
2. Arbeitsanweisungen nach dem Vierercheck formulieren (konkret, sequenziell, beobachtbar, ≤ 12 Wörter/Schritt),
3. Arbeitsphasen mit scharfen Start-/Endsignalen rahmen.
Sitzungstyp Technik-Training: Schreiben (Rewrite-Sprint) + Rollenspiel (Signal-Ernstfall).

2. Vorbereitung

Raum: wie W3 (Spielfläche + Schreibtische). Material:


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2) — Standard.

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8) — 5 Fragen (Anhang 2, Teil 1).

Phase 2 · Brücke: Die Stoppuhr-Kurven (Minute 8–12)

Moderationstext: „Zückt eure Stoppuhr-Werte. Wer mag: Montag versus Freitag – zwei Zahlen, laut." [3–4 TN; typisch: 110 Sek. → 55 Sek. o. ä. Moderation an der Tafel notieren.] „Seht ihr die Richtung? Das ist keine Magie – das ist eine Routine, die einrastet. Merkt euch dieses Gefühl: Ihr habt zum ersten Mal einen Trainingseffekt bei einer KLASSE gemessen. Heute nehmen wir uns den Moment vor, der euch als Nächstes Zeit frisst: mitten in der Stunde die Aufmerksamkeit zurückholen – und die Anweisung, die danach kommt."

Phase 3 · Input (Minute 12–28)

3a · See it: Doppel-Demo „gegen die Wand vs. durch den Raum" (Min. 12–18)

Moderation spielt mit 6 TN als murmelnder „Gruppenarbeits-Klasse":

Variante A (schwach): Moderation ruft in die laufende Unruhe hinein: „So, Leute, hört mal – HALLO – ich brauch mal kurz eure Aufmerksamkeit, also, wir machen jetzt Folgendes, ihr packt gleich mal die Sachen von der Gruppenarbeit weg, also nicht alles, die Zettel braucht ihr noch, und dann schlagt ihr das Buch auf, ich glaube Seite 34, nein 36, und guckt euch schon mal die Aufgabe an, aber erst wenn…" – wird dabei lauter, läuft herum, die Hälfte hört gar nicht hin.

Variante B (stark): Moderation geht zum festen Punkt, gibt das Signal (z. B. erhobene Hand + „Stopp – Blick zu mir."), steht still, wartet schweigend. 5 Sekunden. Als alle schauen: „Danke. Drei Schritte:" [Pause] „Erstens: Gruppenzettel in die Mitte." [Pause, Blick] „Zweitens: Buch auf, Seite 36." [Pause] „Drittens: Aufgabe 2 lesen – noch nicht lösen. Los."

Auswertung (3 Min.): „Handlungen, keine Eindrücke – was war anders?" [Sammeln: stand still / wartete / sprach erst bei 100 % / nummerierte / kurze Sätze / Pausen / Endsignal „Los".]

3b · Die Prinzipien (Min. 18–25)

„Erstens: Nie gegen Unruhe sprechen. Alles, was in Unruhe gesagt wird, adelt die Unruhe – ihr verkündet: Man kann mir zuhören UND weiterreden. Die Reihenfolge ist unverhandelbar: Signal → warten → 100 % Blick → DANN sprechen. Und das Warten kennt ihr schon – es ist Schritt 3 eurer Begrüßungsroutine, nur mitten in der Stunde. Zweitens: What to Do. ‚Passt auf!' ist keine Anweisung – es ist ein Wunsch. Eine Anweisung sagt, was zu TUN ist: konkret, in Reihenfolge, beobachtbar. ‚Konzentriert euch' kann ich nicht sehen. ‚Stift weg, Blick zu mir' kann ich sehen – und einfordern. Ihr erkennt das Handwerk wieder: Es ist eure Erwartungs-Umformulierung aus Woche 2, nur im Sekundentakt. Drittens: Sprachökonomie. Jedes zusätzliche Wort verdünnt das Signal. Faustregel: höchstens zwölf Wörter pro Schritt – und nach der Anweisung: Stopp. Nicht nachplätschern, nicht dreimal umformulieren. Wer nachplätschert, lehrt die Klasse, dass die erste Version nie zählt. Viertens: Brighten the Lines. Arbeitsphasen brauchen scharfe Kanten: ein klares Startsignal – ‚In drei, zwei, eins: los' – und ein klares Endsignal. Unscharfe Kanten fransen aus: Wer nicht weiß, wann es losgeht, startet nie richtig; wer nicht weiß, wann Schluss ist, hört mittendrin auf."

3c · Die Einführung des Signals (Min. 25–28)

„Ein Signal, das ihr nie eingeführt habt, ist keins. Die Einführung ist eine Erwartungs-Einführung nach Woche-2-Bauplan: Signal zeigen, Erwartung spezifisch benennen (‚Wenn ihr das seht/hört: Gespräche enden, Stifte liegen, Blick zu mir – innerhalb von fünf Sekunden'), begründen (ein Satz), per CFU prüfen (‚Merve, was tust du beim Signal?') – und dann: einmal PROBEN. Ja, üben, mitten in der Stunde, dreißig Sekunden. Danach gilt es."

Phase 4 · Name it (Minute 28–33)

An der Tafel: Signal-Standard: Signal → schweigend warten → 100 % → sprechen. (Niemals: Signal + sofort losreden.) Anweisungs-Vierercheck: konkret? · sequenziell (nummeriert)? · beobachtbar? · ≤ 12 Wörter pro Schritt? Plus Kanten-Regel: Start- und Endsignal für jede Arbeitsphase.

Merksatz: „Erst still, dann kurz, dann Stopp."

Phase 5 · Do it (Minute 33–52)

Runde 1 · Rewrite-Sprint (Min. 33–41)

Handout A: 5 vage Anweisungen, Einzelarbeit mit Zeitdruck (5 Min.), dann Tandem-Vierercheck (3 Min.). Moderation sammelt 2 Lösungen pro Aufgabe im Zuruf und lässt die Gruppe Wörter ZÄHLEN (der Zählakt diszipliniert nachhaltig).

Runde 2 · Signal-Ernstfall (Min. 41–52)

Vierergruppen auf der Spielfläche: Jeder

  1. spricht seine Signal-EINFÜHRUNG (Handout B, 60 Sek.),
  2. setzt das Signal in laufender „Gruppenarbeit" ein – Regie zieht eine Störkarte B.

Feedback-Fokus: Wurde geschwiegen bis 100 %? Blieb die Anweisung ≤ 12 Wörter/Schritt? 2. Kurzdurchlauf der schwächsten Stelle. (Zeitwächter je Gruppe: 2,5 Min. pro Person inkl. Feedback.)

Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)

Standard: „Ich führe am Montag in Klasse X mein Aufmerksamkeitssignal nach dem W2-Bauplan ein (zeigen – Erwartung – Begründung – CFU – Probe) und halte eine Woche eisern die Reihenfolge: Signal, schweigen, 100 %, erst dann sprechen."

Alternativen:

  1. Wörter-Diät: eine Woche jede Arbeitsanweisung vorher notieren und auf ≤ 12 Wörter/Schritt kürzen;
  2. Kanten-Woche: jede Arbeitsphase mit „3-2-1-los" starten und mit Signal beenden.

Ausblick: „Nächste Woche geht es um euch selbst: Körper, Stimme, Ruhe – wie ihr souverän WIRKT, auch wenn ihr es noch nicht durchgehend seid. Spoiler: Es ist trainierbar wie alles andere."

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60) — Standard.


4. Coaching-Woche 4 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Rewrite-Sprint (mit Musterlösungen für Moderation/SPA)

Vage Anweisung Musterlösung (What to Do)
„Passt jetzt mal alle auf!" „Stifte weg. Blick zu mir." (4 Wörter + 3 Wörter)
„Macht mal mit der Aufgabe weiter." „Buch S. 36, Aufgabe 2. Allein, still. Zehn Minuten – los."
„Räumt vernünftig auf." „Erstens: Scheren in die Kiste. Zweitens: Schnipsel in den Müll. Drittens: Tisch leer, hinsetzen."
„Seid leise bei der Gruppenarbeit." „Flüsterlautstärke: Nur euer Tisch hört euch."
„Beeilt euch mal ein bisschen." „Noch zwei Minuten. Schreibt den letzten Satz zu Ende."

1.2 Handout B: Signal-Einführungsskript (Muster + Blanko)

Muster (Sek I): „Ab heute gibt es ein Zeichen. Wenn ich die Hand hebe und ‚Stopp – Blick zu mir' sage, passiert Folgendes: Gespräche enden, Stifte liegen, alle schauen zu mir – innerhalb von fünf Sekunden. Warum: Ich will euch nie anbrüllen müssen, und ihr verliert keine Arbeitszeit durch dreifache Ansagen. – Timo, was tust du beim Signal? … Aylin, wie schnell? … Gut. Wir proben das einmal: Redet kurz mit dem Nachbarn … [Signal] … Danke – 4 Sekunden. So bleibt das."

Sek-II-Tonlage (Beispielsatz): „Ich unterbreche Arbeitsphasen mit diesem Zeichen statt mit Rufen – aus demselben Grund, aus dem in jeder Konferenz jemand den Raum sammelt: Es respektiert Ihre Zeit."

Blanko-Felder: Mein Signal (Geste/Wortlaut): … · Erwartung in 3 Handlungen: … · Begründungssatz: … · Meine 2 CFU-Fragen: … · Probe-Ansage: …

1.3 Störkarten-Set B (Regieanweisungen)


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)

  1. Nenne die 7 Teilschritte der Begrüßungsroutine. (Vorbereitung / fester Punkt / Warten 100 % / Gruß / Setz-Signal+Starter-Satz / Timer / Scan)
  2. Warum wartet man schweigend auf 100 %, statt in die Unruhe zu grüßen? (sonst Norm „halbherzig reicht"; Zäsur-Funktion)
  3. Die 5 Kriterien einer Erwartung (W2)? (beobachtbar, messbar, positiv, begründet, geprüft)
  4. Welches mentale Modell erklärt: Ansage ist nicht gleich Ankommen? (Modell 3 – Aufmerksamkeit; gelernt/gehört wird, was beachtet wird)
  5. (Anwendung) Dein Do Now: Woran erkennst du nach 2 Minuten, dass es zu schwer war? (Frage-Traube/viele Hände, kaum Stifte laufen → Kriterium „ohne Erklärung lösbar" verletzt)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 4 (für SPA/Folgewoche)

F1. Die Klasse murmelt nach deinem Signal weiter. Du… a) sprichst lauter – Hauptsache alle hören dich ✗ (DIE Intuition) b) wartest schweigend, Blick durch den Raum, ggf. Nähe ✓ c) beginnst einfach – die Interessierten hören ja zu ✗ (90 %-Falle, Vorgriff W6) d) drohst mit Konsequenzen ✗

F2. Welche Anweisung besteht den Vierercheck? a) „Seid jetzt bitte alle mal richtig konzentriert bei der Sache" ✗ b) „Buch S. 12, Aufgabe 3. Allein, still. Los." ✓ c) „Nicht mehr reden da hinten!" ✗ (negativ, nicht sequenziell) d) „Wir wollten doch eigentlich weiterarbeiten, oder?" ✗ (Wunsch als Frage)

F3. Nach einer guten Anweisung solltest du… a) sie sicherheitshalber zweimal umformulieren ✗ (Fürsorge-Reflex – lehrt Weghören) b) stoppen und die Umsetzung beobachten ✓ c) leise weitersprechen ✗ d) sofort Einzelnen helfen ✗

F4. „In 3, 2, 1 – los" dient dazu, … a) Druck aufzubauen ✗ b) die Kante der Arbeitsphase zu schärfen (Brighten the Lines) ✓ c) Zeit zu schinden ✗ d) jüngere SuS zu motivieren ✗ (Alters-Distraktor)

F5. Dein Signal funktioniert nach zwei Wochen schlechter. Wahrscheinlichste Ursache: a) Das Signal war falsch gewählt ✗ b) Du hast begonnen, in Restunruhe zu sprechen – das Signal wurde entwertet ✓ c) Die Klasse ist es leid – neues Signal nötig ✗ (Abwechslungs-Mythos) d) Signale wirken generell nur kurz ✗

F6 (Transfer, Freitext): Schreibe die Umbau-Anweisung „Macht euch mal fertig für den Film und kommt nach vorn" als nummerierte What-to-Do-Sequenz mit Start-Signal. (Muster: „Erstens: Stifte weg, Hefte zu. Zweitens: Stuhl leise nach vorn tragen. Drittens: hinsetzen, Blick zur Leinwand. – In 3, 2, 1: los.")


Anhang 3: Ableitung für die SPA „Modul 4"

  1. Hook (2 Min.): Audio-Kontrast Variante A/B (nur Ton!) – Aufgabe: „Bei welcher Version weißt du nach einmal Hören, was zu tun ist?"
  2. See it (5 Min.): Video/Illustration der Doppel-Demo; Tipp-Aufgabe: die 4 Prinzipien in der starken Version wiederfinden.
  3. Name it (3 Min.): Vierercheck + Signal-Standard als Merkkarten; Mini-Sortierung: 6 Anweisungen → besteht/besteht nicht + welcher Verstoß.
  4. Do it – Anweisungs-Prüfmaschine (7 Min., Engine!): Anweisung eintippen → automatische Analyse: Wortzahl pro Schritt, Verb-Check (Handlung?), Negativ-Formulierung-Alarm, Nummerierung erkannt? → iterativ verbessern. Rewrite-Aufgaben aus Anhang 1.1 als Level mit Musterlösungs-Vergleich.
  5. Szenario-Simulator (4 Min.): Störkarten B1–B3 als Entscheidungsbäume („Signal gegeben, zwei reden weiter → a) lauter b) warten c) Namen rufen" → Konsequenz-Feedback mit Normen-Erklärung).
  6. Skript-Editor: Signal-Einführung (Handout-B-Felder) verfassen → Playbook-Export; Sek-I/Sek-II-Tonlagen-Beispiele einblendbar.
  7. Quiz (Teil 2) + 30 % Altfragen (Module 1–3); F5 ist der wichtigste Langzeit-Anker (Signal-Entwertung). Abschluss: Action-Step-Formular mit Selbstzähl-Feld („Wie oft habe ich diese Woche in Unruhe gesprochen?" – ehrliche Strichliste).