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Skript Woche 2: „Hohe Erwartungen – Verhalten ist ein Curriculum

Skript Woche 2: „Hohe Erwartungen – Verhalten ist ein Curriculum"

60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Wie mache ich unsichtbare Erwartungen sichtbar und lehrbar?
Kernquellen Lovell/Dowley, Prinzip 3 („Start with high expectations") und Prinzip 5 („Behaviour is a curriculum"); Lemov T52 (Vorgriff), T61 Warm/Strict (Vorgriff)
Funktion im Jahr Erstes echtes Technik-Modul. Legt die Grundlage für ALLE Routinen (W3–8): Bevor man Routinen baut, muss man Erwartungen formulieren können. Liefert das Umformulierungs-Handwerk „vage → spezifisch", das in W4 (Anweisungen) direkt wiederverwendet wird.
Lernziele Die TN können:
1. erwünschtes Verhalten so konkret beschreiben wie einen Lerninhalt,
2. eine vage Erwartung nach 5 Kriterien nachschärfen,
3. eine Erwartungs-Einführung inkl. Begründung und Verständnis-Check skripten.
Sitzungstyp Technik-Training (Schreiben + Sprechen). Erste Sitzung mit vollem Standardraster inkl. Rollenspiel-Elementen.

2. Vorbereitung

Raum: Vierergruppen; Flipchart mit der W1-Liste „Ansatzpunkte" (aus der Fallanalyse – wird in Phase 2 gebraucht!).

Material (Checkliste):

Vorab-Hinweis an die Moderation: Diese Woche entscheidet sich, ob Action Steps ernst genommen werden. Die Brücken-Phase (W1-Beobachtungen einsammeln) darf deshalb NICHT entfallen oder gehetzt werden – wer seinen Auftrag gemacht hat, muss erleben, dass er gebraucht wird.


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen (Minute 0–2)

Quiz liegt aus, Timer läuft, Start pünktlich. (Ab jetzt kommentarlos – die Norm trägt sich selbst.)

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8)

5 Fragen (Anhang 2, Teil 1), 3 Min. still schriftlich, 3 Min. Auflösung per Aufrufen ohne Meldung – warm, mit Denkpause (die Moderation modelliert weiter, was in W22 Theorie wird).

Phase 2 · Brücke: Was habt ihr gesehen? (Minute 8–13)

Moderationstext: „Euer Auftrag war: die ersten fünf Minuten beobachten – Aufmerksamkeit und Begrüßungsroutine. Drei von euch bitte je eine Minute: Was habt ihr notiert?"

Während der Berichte clustert die Moderation stichwortartig am Flipchart. Erfahrungsgemäß kommen: „Es dauert, bis alle stehen", „Sie schauen überall hin, nur nicht zu mir", „Ich wusste selbst nicht genau, was ich eigentlich erwarte". Dann die Pointe:

„Schaut auf diese Liste. Fast alles darauf hat dieselbe Wurzel: Die Erwartung existiert nur in eurem Kopf – als Gefühl. ‚Ordentlich reinkommen.' ‚Vernünftig sein.' Gefühle kann man nicht erfüllen und nicht einfordern. Heute lernt ihr, aus Gefühlen Erwartungen zu machen: sichtbar, lehrbar, prüfbar."

Phase 3 · Input: Verhalten ist ein Curriculum (Minute 13–28)

3a · See it: das Kontrastpaar (Min. 13–17)

Folie mit beiden Versionen, laut vorlesen:

„Beide Lehrkräfte wollen dasselbe. Aber nur bei B können die Schüler wissen, was gemeint ist – und nur bei B kann die Lehrkraft fair einfordern, denn nur B ist überhaupt erfüllbar. Und noch etwas: Nur bei B lässt sich Erfüllung PRÜFEN. ‚Respektvoll' kann man nicht abhaken. ‚Alle Hefte liegen bereit' schon."

3b · Das Kernprinzip (Min. 17–23)

„Jetzt der Satz, der diese Woche trägt: Verhalten ist ein Curriculum. Kein Schüler kommt mit fertigem Verhalten zur Welt – genauso wenig wie mit fertiger Bruchrechnung. Und niemand von euch würde Bruchrechnung so unterrichten: einmal erwähnen, nie üben, und beim ersten Fehler beleidigt sein. Genau so behandeln wir aber Verhalten: ‚Das habe ich doch am Schuljahresanfang gesagt!' – Einmal gesagt ist nicht gelernt. Das wisst ihr seit letzter Woche: Modell 1, Gedächtnis. Also gilt für Verhalten dieselbe Didaktik wie für jeden Stoff: erklären (spezifisch!), begründen (ein Satz – Jugendliche, gerade in Sek II, folgen Erwartungen deutlich bereitwilliger, deren Sinn sie kennen), modellieren (zeigen, wie es aussieht), üben (ja, wirklich – kommt in Woche 3), prüfen (gleich mehr) und Feedback geben (kommt in Woche 6 und 7). Und das Zeitfenster: Am Anfang – des Jahres, des Halbjahres, nach Ferien – akzeptiert eine Klasse hohe Erwartungen als Normalität. Wer niedrig startet und später anzieht, kämpft gegen etablierte Normen: Modell 4. Lockern geht immer und wird als Großzügigkeit erlebt. Nachschärfen wird als Ungerechtigkeit erlebt. Deshalb: hoch starten. Und wer schon drin steckt: Jeder Montag ist ein kleines Fenster, jeder explizite Neustart ein großes."

3c · Behavioural CFU + Sek-II-Einwand (Min. 23–28)

„Letzter Baustein: Woher weißt du, dass die Erwartung angekommen ist? Nicht durch ‚Alles klar?' – sondern durch Prüfen: ‚Jonas, was passiert, nachdem ihr euch gesetzt habt?' – ‚Lena, wie lange habt ihr Zeit bis zum Starter?' Zwei Fragen, zehn Sekunden, und die Klasse weiß: Das hier war ernst gemeint. Und der Einwand, den einige von euch gerade denken: ‚In meiner Oberstufe wirkt das kindisch.' Nein – kindisch wirkt eine kindische FORMULIERUNG. Die Struktur bleibt, der Ton wird erwachsen: ‚Ich erwarte, dass Laptops zu sind, wenn jemand präsentiert – aus demselben Grund, aus dem Sie das in jeder Besprechung erwarten würden.' Explizit heißt nicht infantil. Implizit heißt nur: unfair für alle, die den Code nicht von allein knacken."

Phase 4 · Name it (Minute 28–33)

An der Tafel entwickeln (Zuruf, Moderation ordnet): Die 5 Kriterien einer tragfähigen Erwartung:

  1. beobachtbar (man kann sie sehen/hören),
  2. messbar (man kann Erfüllung feststellen: alle? in welcher Zeit?),
  3. positiv formuliert (beschreibt das TUN, nicht das Lassen – „nicht schwätzen" sagt nicht, was stattdessen),
  4. begründet (ein Satz Sinn),
  5. geprüft (Behavioural CFU nach der Einführung).

Merkformel anbieten: „Könnte ein wohlwollender Vertretungslehrer mit meiner Erwartungsformulierung allein feststellen, ob die Klasse sie erfüllt? Wenn nein: zu vage."

Phase 5 · Do it (Minute 33–52)

Runde 1 · Erwartungs-Canvas (Min. 33–43, Einzelarbeit)

„Nehmt eure schwierigste Lerngruppe. Drei Erwartungen, die dort den größten Unterschied machen würden – oft rund um: Stundenstart, Arbeitsphasen, Gesprächsregeln. Füllt den Canvas: Verhalten (spezifisch!), Woran sichtbar?, Begründungssatz. Nutzt Handout A als Steinbruch."

Moderation zirkuliert und interveniert an der häufigsten Baustelle: Adjektive („ordentlich", „konzentriert", „respektvoll") aufspüren lassen – „Jedes Adjektiv ist ein Versteck für Vagheit. Ersetze es durch eine Handlung."

Runde 2 · Härtetest im Tandem (Min. 43–50)

Partner prüft jede Erwartung mit genau zwei Fragen: „Woran genau würde ICH als Beobachter die Erfüllung erkennen?" und „Kann ein 14-Jähriger das missverstehen – und wie?" → gemeinsam nachschärfen. Dann wählt jeder EINE Erwartung und spricht die komplette Einführung einmal laut (Erwartung + Begründung + zwei CFU-Fragen) – Partner stoppt: unter 60 Sekunden?

Blitzlicht (Min. 50–52)

2 TN sprechen ihre Einführung im Plenum; Moderation würdigt konkret (Precise-Praise-Vorbild).

Phase 6 · Action Step (Minute 52–58)

Standard: „Ich führe am Montag in Lerngruppe X meine nachgeschärfte Erwartung ein: erklären, begründen, per zwei CFU-Fragen prüfen – und fordere sie die ganze Woche konsequent freundlich ein. Freitag notiere ich: Wie oft musste ich erinnern – Montag vs. Freitag?"

Alternativen:

  1. Erwartungs-Neustart für die komplette Begrüßungsroutine (wenn diese zäh läuft – Vorgriff auf W3, mit Coach abstimmen);
  2. für Sek-II-Kurse: eine „erwachsene" Erwartung inkl. Begründung einführen (Laptop-/Handy-/Diskussionsregel).

Schriftlich ins Formular, Kopie an Coach.

Ausblick: „Nächste Woche nehmen wir uns die wertvollste Minute eurer Stunde vor: die erste. Unsere Begrüßungsroutine wird vom Ritual zum Werkzeug – mit Skript, Timer und allem Drum und Dran."

Phase 7 · Exit-Karte (Minute 58–60)

Standard: leuchtet ein / bin skeptisch.


4. Coaching-Woche 2 (Handreichung)


Anhang 1: Übungsmaterial

1.1 Handout A: Sechs Beispielpaare „vage → spezifisch"

Vage (Gefühl) Spezifisch (Erwartung)
„Kommt ordentlich rein." „Nach dem Setzen: Heft + Mäppchen liegen bereit, ihr arbeitet still am Starter – spätestens nach 60 Sekunden."
„Meldet euch vernünftig." „Eine Hand hebt sich still. Gesprochen wird, wenn der Name fällt."
„Seid respektvoll in Diskussionen." „Ausreden lassen. Widerspruch beginnt mit dem Argument des anderen: ‚Du sagst X – ich sehe das anders, weil…'"
„Arbeitet konzentriert in Gruppen." „Flüsterlautstärke: Nur euer Tisch hört euch. Jeder hält sein Ergebnis schriftlich fest."
„Geht anständig mit Material um." „Bücher werden mit beiden Händen zurückgestellt; Beschädigungen meldet ihr mir sofort – ohne Ärger zu bekommen."
„Seid pünktlich fertig." (Oberstufe) „Abgabe bis 14:00 Uhr im Kursordner. Wer es nicht schafft, schreibt mir VORHER – wie später im Beruf auch."

1.2 Handout B: Erwartungs-Canvas

Nr. Erwartetes Verhalten (Handlung, kein Adjektiv!) Woran sichtbar/messbar? Begründung (1 Satz, „damit…")
1
2
3

Darunter: Einführungs-Skript (Erwartung → Begründung → CFU-Frage 1 → CFU-Frage 2) + Vertretungslehrer-Test bestanden? ☐


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Min. 2–8)

  1. Nenne die fünf mentalen Modelle aus Woche 1. (Gedächtnis / Gewohnheiten / Aufmerksamkeit / Motivation ist sozial / Unterrichten ist Beziehungsarbeit)
  2. „Gestern konnten sie es noch" – erkläre mit Modell 1. (nur im Arbeitsgedächtnis, nie im Langzeitgedächtnis angekommen)
  3. Was folgt aus „Motivation ist sozial" für die Deutung von Störungen? (meist Normphänomen, nicht persönlicher Angriff)
  4. Ergänze: Gelernt wird, was ___ wird. (beachtet/gedacht)
  5. (Anwendung) Deine Klasse startet chaotisch in die Stunde – welche zwei Modelle erklären das am ehesten und warum? (2: fehlende Routine; 4: Chaos ist Norm geworden; auch 3 vertretbar)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 2 (für SPA/Folgewoche) – Distraktoren aus Fehlvorstellungen

F1. „Hohe Erwartungen haben" bedeutet in erster Linie: a) streng und unnachgiebig sein ✗ (Härte-Gleichsetzung) b) Klarheit + Zutrauen + konsequent freundliches Einfordern ✓ c) viele Regeln aufstellen ✗ d) keine Rücksicht auf schwierige Lebenslagen nehmen ✗ (Empathie-Strohmann)

F2. Deine gut eingeführte Erwartung wird nach drei Tagen nicht mehr erfüllt. Beste Deutung: a) Die Klasse ist unwillig/testet dich ✗ (Personalisierung) b) Verhalten braucht wie jeder Lernstoff Wiederholung, Übung und Feedback ✓ c) Die Erwartung war zu hoch – absenken ✗ (voreiliges Lockern – der teuerste Fehler) d) Ohne Strafen geht es eben nicht ✗

F3. „Respektvoll miteinander umgehen" ist als Erwartung: a) ideal, weil werteorientiert ✗ (klingt pädagogisch wertvoll!) b) zu vage – nicht beobachtbar, nicht prüfbar ✓ c) nur für jüngere Klassen geeignet ✗ d) juristisch problematisch ✗

F4. Warum eine Begründung („damit…") zur Erwartung? a) Höflichkeitsfloskel ✗ b) Sinn erhöht Akzeptanz – besonders bei älteren SuS ✓ c) rechtlich vorgeschrieben ✗ d) damit Eltern nicht klagen ✗

F5. In der Oberstufe sind explizite Verhaltenserwartungen: a) überflüssig – junge Erwachsene wissen das ✗ (DER Sek-II-Mythos) b) nötig, aber im Ton erwachsen formuliert ✓ c) kränkend ✗ d) nur bei Problemen einzuführen ✗ (dann ist das Fenster zu)

F6 (Transfer, Freitext): Formuliere „Seid leise während der Stillarbeit" nach allen 5 Kriterien um – inklusive Begründungssatz und einer CFU-Frage. (Muster: „Stillarbeit heißt: kein Gespräch, Fragen per Handzeichen an mich – damit jeder ungestört denken kann. – CFU: ‚Emre, was machst du, wenn du eine Frage hast?'")


Anhang 3: Action-Step-Formular (Standard ab W2)


Anhang 4: Ableitung für die SPA „Modul 2"

  1. Hook (2 Min.): Das Kontrastpaar A/B als Hörbeispiel; Nutzer tippt: „Bei wem weiß die Klasse, was zu tun ist?"
  2. See it (5 Min.): „Verhalten ist ein Curriculum" als Parallel-Animation: dieselbe Didaktik-Kette (erklären→üben→prüfen→Feedback) einmal für Bruchrechnung, einmal für die Meldung – synchron.
  3. Name it (4 Min.): Die 5 Kriterien als Checkliste; Sortier-Spiel: 8 Formulierungen den Kriterien-Verstößen zuordnen.
  4. Do it – Umformulierungs-Trainer (7 Min., Kern-Engine!): Vage Erwartung eingeben oder aus Liste wählen → App prüft per Heuristik/KI: Adjektiv-Alarm, Beobachtbarkeit, Positiv-Formulierung, Begründung vorhanden → iteratives Nachschärfen mit Ampel-Feedback. Beispiel-Bibliothek nach Stufe (Sek I/II) filterbar (Handout A als Startdatensatz).
  5. Skript-Editor (4 Min.): Einführungs-Skript (Erwartung+Begründung+2 CFU-Fragen) verfassen → wandert ins digitale Playbook.
  6. Quiz (Teil 2) – F2 und F5 sind die wichtigsten Fehlvorstellungs-Anker; plus 30 % Fragen aus Modul 1 (Modelle zuordnen).
  7. Action-Step-Formular mit Freitag-Erinnerung und Zählfeld („Erinnerungen Mo vs. Fr").