← Zur Übersicht

Drehbuch Woche 1: „Fünf mentale Modelle des Unterrichtens

Drehbuch Woche 1: „Fünf mentale Modelle des Unterrichtens"

60-Minuten-Sitzung · Block 1 · Fortbildung Quereinsteiger Sek I/II


1. Überblick

Leitfrage Warum verhalten sich Klassen so, wie sie sich verhalten – und was folgt daraus für mich?
Kernquelle Lemov, Teach Like a Champion 3.0, Kapitel 1 („Five Themes: Mental Models and Purposeful Execution")
Funktion im Jahr Grundlagenmodul: liefert die Deutungsbrille, auf die sich ALLE 35 Folgemodule beziehen. Jede spätere Technik wird auf eines der fünf Modelle zurückgeführt.
Lernziele Die TN können:
1. die fünf Prinzipien in eigenen Worten erklären,
2. eine reale Unterrichtssituation der letzten Woche mit mindestens zwei Prinzipien deuten,
3. daraus einen ersten Beobachtungsauftrag für die eigene Klasse ableiten.
Sitzungstyp Deutung & Perspektivwechsel (noch kein Technik-Training – das beginnt in Woche 2). Einzige Sitzung des Jahres mit Analyse-Schwerpunkt statt Übungs-Schwerpunkt.

Die fünf mentalen Modelle (Kurzform für alle Materialien):

  1. Gedächtnis: Arbeitsgedächtnis ist eng, Langzeitgedächtnis ist Macht.
  2. Gewohnheiten: Routinen beschleunigen Lernen und setzen Denkkapazität frei.
  3. Aufmerksamkeit: Was Schüler beachten, ist das, was sie lernen.
  4. Motivation ist sozial: Gruppennormen wirken stärker als Regeln.
  5. Unterrichten ist Beziehungsarbeit: Kompetenter Unterricht erzeugt Vertrauen – nicht umgekehrt.

2. Vorbereitung

Raum: Tische in Vierergruppen; Beamer; Flipchart; Sitzordnung so, dass Rollenspiel-Fläche frei bleibt (wird ab Woche 2 Standard).

Material (Checkliste Moderation):

Moderations-Grundsatz: Diese Sitzung modelliert selbst, was sie lehrt. Explizit machen! Der Meta-Kommentar („Merkt ihr, was ich gerade gemacht habe?") ist fester Bestandteil des Drehbuchs – Quereinsteiger lernen doppelt: Inhalt + Vorbild.


3. Ablauf im Detail (60 Minuten)

Phase 0 · Ankommen & Start (Minute 0–2)

Die Moderation startet pünktlich auf die Sekunde und kommentiert das später (Every Minute Matters als gelebte Norm). Das Retrieval-Quiz liegt/hängt bereits aus, bevor die Sitzung beginnt – wer sitzt, kann anfangen.

Moderationstext (Vorschlag): „Willkommen zur ersten richtigen Modulwoche. Ihr seht: Es liegt schon eine Aufgabe bereit, und der Timer läuft. Das machen wir ab jetzt jede Woche so – und in ein paar Wochen versteht ihr auch lernpsychologisch, warum. Vier Minuten, still, los."

Phase 1 · Retrieval-Starter (Minute 2–8)

Inhalt: 5 Fragen zum Kickoff (Anhang 2, Teil 1). Einzelarbeit schriftlich (2 Min.), dann Blitz-Abgleich im Plenum (3 Min.) – Moderation ruft ohne Meldung auf (freundlich, mit Ankündigung: erster Vorgeschmack auf Cold Call, Woche 22).

Meta-Kommentar (wichtig!): „Kurz auf die Meta-Ebene: Was ich gerade gemacht habe – schriftlicher Abruf von letzter Woche, dann Aufrufen ohne Meldung – sind zwei Techniken, die ihr im Lauf des Jahres selbst lernen werdet. Ihr erlebt dieses Jahr jede Technik zweimal: einmal als Lernende, einmal als Lehrende."

Phase 2 · Einstieg ins Thema: das Rätsel (Minute 8–12)

Dramaturgie: Nicht mit Theorie starten, sondern mit einem Rätsel aus dem Alltag der TN.

Moderationstext: „Ihr unterrichtet jetzt seit einigen Tagen/Wochen. Ich wette, mindestens eine dieser drei Situationen kennt ihr schon: Erstens: Ihr erklärt etwas – gründlich, korrekt, mit Beispiel. Am nächsten Tag ist es weg. Komplett. Zweitens: Dieselbe Klasse, die bei Kollegin M. leise arbeitet, tanzt euch auf der Nase herum. Drittens: Ein einzelner Schüler ist im Einzelgespräch umgänglich und klug – vor der Klasse spielt er den Clown. Handzeichen: Wer hat mindestens eine davon erlebt? [kurz würdigen] Heute bekommt ihr die Brille, mit der diese drei Rätsel keine Rätsel mehr sind. Fünf Denk-Modelle, aus Kapitel 1 des Buchs, mit dem wir dieses Jahr viel arbeiten werden. Alles, was wir in den nächsten 35 Wochen trainieren, ist eine Antwort auf eines dieser fünf Modelle."

Zieltransparenz (Folie): Die drei Lernziele zeigen, in einem Satz erläutern (Backwards-Design als Vorbild – ohne es schon so zu nennen).

Phase 3 · Input: Die fünf Modelle (Minute 12–30)

Format: Pro Modell ~3–4 Minuten nach festem Muster: Alltagsbeispiel → Prinzip → „Was folgt daraus?" – nie umgekehrt. Handout A wird ERST DANACH verteilt (Aufmerksamkeit auf die Moderation, nicht aufs Blatt – Meta-Kommentar am Ende der Phase).

Modell 1: Gedächtnis (Min. 12–16)

„Selbstversuch: Ich sage euch gleich eine Telefonnummer und danach sollt ihr sie rückwärts aufsagen: 0-1-7-6-4-4-9-2-3-1-8. Wer schafft's? [scheitern lassen, lachen lassen] Und jetzt: Sagt mir euer eigenes Geburtsdatum rückwärts. [alle können es] Der Unterschied? Das eine musste im Arbeitsgedächtnis jongliert werden – das hat ungefähr vier bis sieben Plätze, mehr nicht. Das andere liegt im Langzeitgedächtnis und kostet fast nichts. Das ist das erste Modell: Das Arbeitsgedächtnis ist der Flaschenhals allen Lernens. Alles Neue muss da durch. Wenn ihr erklärt und gleichzeitig sollen die Schüler mitschreiben und das Arbeitsblatt suchen und die Vokabel von gestern erinnern – dann ist der Flaschenhals verstopft, und es kommt nichts im Langzeitgedächtnis an. Und: 'Gelernt' heißt NUR 'im Langzeitgedächtnis angekommen'. Rätsel Nummer eins – 'gestern konnten sie es noch' – ist damit gelöst: Es war nie im Langzeitgedächtnis. Es war nur kurz im Arbeitsgedächtnis zu Besuch."

Folie: Schema Arbeitsgedächtnis (kleiner Trichter) → Langzeitgedächtnis (großes Netz). Keine weiteren Wörter.

Modell 2: Gewohnheiten (Min. 16–19)

„Frage: Was habt ihr heute Morgen beim Zähneputzen gedacht? … Eben. Irgendwas anderes. Die Routine lief von allein und euer Denken war frei. Genau das ist die Funktion von Routinen im Klassenzimmer: Wenn 'Wie beginne ich die Stunde, wo kommt mein Heft hin, was tue ich, wenn ich fertig bin' automatisch läuft, ist das Arbeitsgedächtnis – Modell 1! – frei für den Inhalt. Routinen sind keine Dressur. Sie sind Denk-Befreiung. Unsere Begrüßungsroutine – alle stehen auf, Gruß, Setzen – ist so eine Routine: eine klare Zäsur, die jedem Gehirn im Raum sagt: Jetzt beginnt etwas anderes. Ob sie diese Funktion erfüllt, hängt aber davon ab, WIE sie durchgeführt wird. Dazu in Woche 3 mehr."

Modell 3: Aufmerksamkeit (Min. 19–22)

„Drittes Modell, und es klingt banal, ist aber radikal: Gelernt wird, was beachtet wird. Punkt. Nicht, was ihr gesagt habt. Nicht, was auf der Folie stand. Sondern das, worüber die Schülerin in diesem Moment nachgedacht hat. Wenn eure Erklärung brillant war, aber ihre Aufmerksamkeit beim Handy unterm Tisch – dann hat sie etwas über ihr Handy gelernt. Wenn euer Unterrichtseinstieg ein spektakuläres Explosionsvideo war, erinnern sie die Explosion – nicht die Reaktionsgleichung. Konsequenz für uns: Aufmerksamkeit ist die Währung des Klassenzimmers, und wir müssen sie aktiv lenken – nicht hoffen, dass sie schon richtig liegt."

Modell 4: Motivation ist sozial (Min. 22–26)

„Rätsel zwei von vorhin: Warum arbeitet dieselbe Klasse bei Kollegin M. still und bei euch nicht? Die bequeme Antwort wäre: Frau M. ist eben eine Autoritätsperson, ich nicht. Die richtige Antwort: In Frau M.s Stunde herrscht eine andere Norm. Menschen – und Jugendliche hoch drei – tun, was die Gruppe tut. Meist unbewusst. Der Schüler, der bei euch reinruft, trifft keine Entscheidung gegen euch; er folgt der Norm 'hier ruft man rein'. Normen sind mächtiger als jede Regel auf dem Papier – und das Tückische: Sie sind unsichtbar, und sie entstehen IMMER. Die einzige Frage ist, ob absichtlich oder zufällig. Rätsel drei – der Klassenclown – gehört auch hierher: Vor der Gruppe gelten Gruppengesetze. Es ist fast nie persönlich. Das zu wissen, ist emotional die vielleicht wichtigste Entlastung eures ersten Jahres."

Modell 5: Unterrichten ist Beziehungsarbeit (Min. 26–29)

„Letztes Modell, und hier räumen wir mit einem Mythos auf, den viele von uns mitbringen: 'Erst muss ich eine Beziehung zu den Schülern aufbauen, DANN kann ich Anforderungen stellen.' Klingt plausibel, ist aber falsch herum. Lemov zeigt an hunderten Stunden herausragender Lehrkräfte: Vertrauen entsteht durch gelingenden Unterricht. Schüler vertrauen Lehrkräften, bei denen sie merken: Hier ist Ordnung, hier lerne ich, hier werde ich gesehen, hier kann ich erfolgreich sein. Die Beziehung ist nicht die Vorbedingung guten Unterrichts – sie ist sein Ergebnis. Das ist eine gute Nachricht für euch: Ihr müsst nicht erst 'der coole Lehrer' werden. Ihr müsst gut unterrichten – die Beziehung kommt mit."

Abschluss-Meta-Kommentar (Min. 29–30):

„Bevor wir üben, kurz Meta: Ich habe jedes Modell mit einem Beispiel begonnen und erst dann den Merksatz gebracht – nie umgekehrt. Und ihr bekommt das Handout erst JETZT [Handout A austeilen], nicht vorher – sonst hättet ihr gelesen statt zugehört: Modell 3, Aufmerksamkeit. Merkt euch das Gefühl."

Phase 4 · Name it: Die fünf Modelle griffbereit machen (Minute 30–35)

Übung „Blitz-Zuordnung" (Plenum, hohes Tempo): Moderation liest 8 Mini-Situationen vor (je 1 Satz), TN rufen die Modellnummer per Fingerzeichen (1–5). Bei Uneinigkeit: 20 Sekunden Murmelrunde, dann Auflösung. Mehrfachzuordnungen sind erlaubt und erwünscht – die Diskussion darüber IST das Lernen.

Die 8 Situationen (mit Auflösung für die Moderation):

  1. „Die Klasse braucht jeden Montag 10 Minuten, bis alle Material haben." → 2 (fehlende Routine), auch 3
  2. „Nach dem lustigen YouTube-Einstieg können alle das Video nacherzählen, aber niemand die Fachfrage beantworten." → 3, auch 1
  3. „In Klasse 8b traut sich niemand, eine Frage zu stellen." → 4 (Norm), auch 5
  4. „Die SuS verwechseln die neuen Fachbegriffe, die ich alle in einer Stunde eingeführt habe." → 1 (Überlastung)
  5. „Seit die Stunden strukturiert laufen, kommt Leon freiwillig zu mir und fragt nach Zusatzaufgaben." → 5, auch 4
  6. „Bei der Vertretungslehrkraft bricht in derselben Klasse Chaos aus." → 2 + 4 (Routinen sind personengebunden, bis sie Norm sind)
  7. „Ich habe die Hausaufgabe dreimal angesagt, trotzdem wussten viele nichts davon." → 3 (Ansage ≠ Aufmerksamkeit), auch 1
  8. „Zwei Schülerinnen, die einzeln freundlich sind, schaukeln sich gegenseitig hoch." → 4

Phase 5 · Do it: Fallanalyse & Perspektivwechsel (Minute 35–52)

Teil A: Fallbeispiele mit der Fünf-Modelle-Brille (Min. 35–45)

Vierergruppen. Jede Gruppe erhält eines der beiden Fallbeispiele (Anhang 1) mit drei Leitfragen:

  1. Welche Modelle erklären, was hier passiert? (mind. 2, mit Textbeleg)
  2. Was hat die Lehrkraft – bei bestem Willen – übersehen?
  3. Welcher EINE erste Ansatzpunkt hätte die größte Wirkung? (Noch keine Techniken nötig – Intuition reicht, wir sammeln sie ein.)

5 Min. Gruppenarbeit → 4 Min. Kurzberichte (je Gruppe 60 Sekunden, Moderation hält Ansatzpunkte am Flipchart fest – diese Liste wird in Woche 2–8 abgearbeitet und dabei jeweils wieder gezeigt: „Das habt ihr in Woche 1 selbst vorhergesagt!").

Teil B: Eigenes Erlebnis im Perspektivwechsel deuten (Min. 45–52)

Partnerarbeit (Tandems, die auch Coaching-Tandems werden könnten):

„Jetzt wird es persönlich – im guten Sinn. Denkt an EINE Situation aus euren ersten Unterrichtswochen, die euch geärgert, verunsichert oder verletzt hat. Erzählt sie eurem Partner in maximal 90 Sekunden. Der Partner hat dann eine einzige Aufgabe: Er deutet die Situation NEU – durch eines der fünf Modelle. Nicht trösten, nicht Ratschläge geben. Nur umdeuten: 'Durch die Brille von Modell 4 gesehen, war das vermutlich…'. Dann Wechsel."

Je 3–4 Min. pro Richtung. Warum diese Übung: Der emotionale Perspektivwechsel („Es war nicht persönlich, es war eine Norm / ein überlastetes Arbeitsgedächtnis") ist der wichtigste Wellbeing-Schutz für Quereinsteiger im ersten Jahr – und es verankert die Modelle affektiv, nicht nur kognitiv.

Einsammeln (1 Min.): 2–3 Freiwillige teilen ihren Perspektivwechsel in einem Satz.

Phase 6 · Action Step & Ausblick (Minute 52–58)

Handout C austeilen. Der Standard-Action-Step dieser Woche ist ein Beobachtungsauftrag (bewusst: erst sehen lernen, ab Woche 2 handeln):

Standard-Action-Step: „Ich wähle EINE Klasse. In drei Stunden dieser Woche beobachte ich gezielt die ersten 5 Minuten:

  • Worauf richtet sich die Aufmerksamkeit der Schüler tatsächlich – und was habe ich dafür getan oder nicht getan?
  • Wie läuft unsere Begrüßungsroutine wirklich ab: Stehen alle? Ist es still, bevor ich grüße?

Ich notiere direkt nach der Stunde je 2–3 Stichpunkte auf dem Bogen."

Alternativen (für TN mit dringlichem Klassenführungsproblem, mit Coach abstimmen):

Jeder trägt den gewählten Action Step schriftlich ins Formular ein (Selbstverpflichtung + Kopie an Coach).

Ausblick: „Nächste Woche wird es handfest: Wie macht man Erwartungen so konkret, dass Schüler sie erfüllen KÖNNEN? Bringt bitte eure Beobachtungsbögen mit – wir starten damit."

Phase 7 · Blitz-Feedback & Schluss (Minute 58–60)

Exit Ticket für die Fortbildung selbst (Modellfunktion, ab jetzt Standard): Jeder notiert auf Karte:

  1. Das leuchtet mir am meisten ein: …
  2. Da bin ich skeptisch: …

Abgabe beim Rausgehen. Die Skepsis-Karten sind Gold: Sie liefern die echten Fehlvorstellungen der Kohorte und fließen in Quiz-Distraktoren und Coaching ein.


4. Coaching-Woche 1 (Handreichung für Coaches)


Anhang 1: Fallbeispiele (Handout B)

Fallbeispiel 1: „Die Doppelstunde Chemie" (Fokus: Modelle 1, 2, 3)

Herr T., Quereinsteiger aus der Industrie, plant seine erste eigene Doppelstunde in Klasse 9 mit viel Ehrgeiz: Ein spektakuläres Einstiegs-Experiment, dann eine Präsentation mit 14 Folien zur Elektronegativität, dabei sollen die SuS die wichtigsten Punkte mitschreiben; anschließend Gruppenarbeit mit einem neuen Arbeitsblattformat, das er extra entworfen hat. Das Experiment begeistert alle. Danach wird es unruhig: Beim Vortrag schreiben manche hektisch mit, andere gar nicht; zweimal muss er erklären, wie das neue Arbeitsblatt gemeint ist; die Gruppen brauchen lange, um überhaupt zu starten. Der Exit-Check am Ende ist ernüchternd: Fast alle können das Experiment beschreiben – die Regel zur Elektronegativität kann kaum jemand nennen. Herr T. ist frustriert: „Dabei war die Stunde so aufwendig vorbereitet!"

Auflösungshinweise (nur Moderation): Modell 3: Aufmerksamkeit klebt am Experiment (seductive details), gelernt wurde das Beachtete. Modell 1: Zuhören + Mitschreiben + neues Blattformat = Arbeitsgedächtnis-Überlastung; 14 Folien = zu viele neue Elemente. Modell 2: keine Routinen für Gruppenstart und Materialfluss → Reibungsverluste. Wirkstärkster Ansatzpunkt (erwartbar): weniger Neues pro Zeiteinheit + feste Abläufe; Aufwand ≠ Wirkung.

Fallbeispiel 2: „Die 8c bei Frau K." (Fokus: Modelle 4, 5, 2)

Frau K. hat die 8c in Geschichte übernommen. Sie hat sich vorgenommen, „erst mal die Beziehungsebene aufzubauen": lockerer Einstieg, viel Humor, bei kleineren Störungen großzügig weghören, Regeln wollte sie „gemeinsam mit der Klasse entwickeln, wenn man sich kennt". Die Begrüßungsroutine der Schule führt sie eher beiläufig durch – „bevor die Stimmung kippt". Nach drei Wochen ruft die Hälfte rein, das Aufstehen zur Begrüßung ist ein zäher, kichernder Prozess, und ausgerechnet die stille Mia, mit der Frau K. sich anfangs gut verstand, macht neuerdings mit, wenn zwei Jungen Zwischenrufe starten. Im Einzelgespräch ist Mia einsichtig und fast verlegen. Frau K. ist verletzt: „Ich war doch immer fair und freundlich zu denen."

Auflösungshinweise: Modell 4: „Reinrufen ist normal" ist zur Norm geworden; Mia folgt der Gruppe, nicht ihrer Beziehung zu Frau K. – nicht persönlich! Modell 5: Beziehung-zuerst-Mythos; Vertrauen wäre durch verlässlichen, geordneten Unterricht entstanden. Modell 2: die beiläufige Begrüßungsroutine sendet „halbherzig reicht"; das Zeitfenster hoher Erwartungen (Woche 2) wurde verpasst – aber (wichtig für die Moral!): Ein Neustart ist jederzeit möglich, genau das lernen wir in Block 1.


Anhang 2: Quiz-Material

Teil 1: Retrieval-Starter (Kickoff-Inhalte, Min. 2–8)

  1. Aus welchen drei Formaten besteht unser Programm? (Input+Übung / 1:1-Coaching / Gruppenhospitation)
  2. Was ist ein „Action Step"? Nenne zwei Qualitätsmerkmale. (konkreter Wochenschritt; klein, beobachtbar, in 1 Woche machbar)
  3. Ergänze: „Verhalten ändert sich durch ……, nicht durch ……" (Übung/Probehandeln; Einsicht/Reden)
  4. Wozu dient das Coaching – und wozu ausdrücklich nicht? (Entwicklung; nicht Bewertung)
  5. Was passiert in Woche 36 mit dem Video, das diese Woche aufgenommen wird? (Vorher/Nachher im Abschluss-Kolloquium)

Teil 2: Modul-Quiz Woche 1 (für SPA / Folgewoche) – mit Distraktoren aus echten Fehlvorstellungen

F1. „Die Klasse konnte es in der Stunde, aber im Test war alles weg." Die beste Erklärung: a) Die SuS haben zu Hause nicht genug geübt ✗ (bequeme Externalisierung) b) Der Stoff war nur im Arbeitsgedächtnis, nie im Langzeitgedächtnis ✓ c) Der Test war unfair gestellt ✗ d) Die Klasse ist schwächer als gedacht ✗ (Begabungs-Attribution)

F2. Routinen im Unterricht dienen in erster Linie dazu, … a) den SuS Disziplin beizubringen ✗ (Dressur-Fehlvorstellung) b) Arbeitsgedächtnis für Inhalte freizusetzen ✓ c) Zeit zu sparen ✗ (stimmt auch, ist aber nicht der Kern – guter Teilrichtig-Distraktor) d) dem Lehrer Kontrolle zu geben ✗

F3. Ein Schüler, der im Einzelgespräch freundlich ist, stört vor der Klasse. Wahrscheinlichste Deutung: a) Er ist unaufrichtig und manipuliert ✗ b) Er testet gezielt die Lehrkraft ✗ (Personalisierungs-Falle) c) Vor der Gruppe folgt er Gruppennormen ✓ d) Er hat eine Verhaltensstörung ✗

F4. „Erst Beziehung aufbauen, dann Anforderungen stellen." Diese Aussage ist … a) richtig – ohne Beziehung keine Leistung ✗ (der verbreitetste Mythos, wörtlich) b) falsch – Vertrauen entsteht wesentlich DURCH gelingenden, geordneten Unterricht ✓ c) richtig für Sek I, falsch für Sek II ✗ (Pseudo-Differenzierung) d) falsch – Beziehung ist im Unterricht unwichtig ✗ (Überkorrektur)

F5. Nach einem spektakulären Einstiegsvideo erinnern die SuS das Video, nicht das Konzept. Welches Modell erklärt das am direktesten? a) Gedächtnis ✗ (nah dran, aber nicht am direktesten) b) Gewohnheiten ✗ c) Aufmerksamkeit ✓ d) Motivation ist sozial ✗

F6 (Transfer, Freitext/Fallformat): Ordne dem Fallbeispiel „8c bei Frau K." zwei Modelle zu und belege jedes mit einer Textstelle. (Musterlösung: M4 – Mia folgt der Norm; M5 – Beziehung-zuerst scheitert; M2 akzeptabel mit Beleg Begrüßungsroutine.)


Anhang 3: Beobachtungsbogen & Action-Step-Formular (Handout C)

Beobachtungsbogen „Erste 5 Minuten" (3 Stunden, eine Klasse):

Stunde 1 Stunde 2 Stunde 3
Begrüßungsroutine: Standen alle? War es still, BEVOR ich gegrüßt habe? (ja/teils/nein + Notiz)
Sekunden vom Setzen bis „alle arbeiten/hören zu" (schätzen)
Worauf war die Aufmerksamkeit der SuS tatsächlich gerichtet? (3 Stichworte)
Was habe ICH getan/nicht getan, das dazu beitrug? (1 Satz)

Action-Step-Formular:


Anhang 4: Ableitung für die SPA „Woche 1"

Struktur der Selbstlern-SPA (Ziel: ≤ 25 Min.), 1:1 aus dem Drehbuch:

  1. Hook (2 Min.): Die drei Rätsel als Auswahlkarten („Welches kennst du?") – personalisiert den Einstieg.
  2. See it (8 Min.): Die fünf Modelle als je 90-Sekunden-Sequenz: Alltagsbeispiel (Animation/Audio, z. B. Telefonnummer-Selbstversuch interaktiv!) → Merksatz → „Was folgt daraus"-Karte.
  3. Name it (4 Min.): Blitz-Zuordnung als Swipe-Spiel (die 8 Situationen aus Phase 4; Mehrfachlösungen mit Erklär-Feedback).
  4. Do it (6 Min.): Ein Fallbeispiel als interaktiver Fall (Textstellen markieren → Modell zuordnen → Musterauflösung schrittweise).
  5. Perspektivwechsel (3 Min.): Freitextfeld „Deine Situation" + geführte Umdeutung (Modell wählen → Satzanfang wird vorgegeben: „Durch diese Brille war das vermutlich…"). Optional KI-gestützt.
  6. Quiz (Teil 2 oben) mit den Fehlvorstellungs-Distraktoren; 30 %-Regel entfällt nur in Modul 1 (kein Vorwissen).
  7. Abschluss = Action-Step-Formular (digital, mit Freitag-Erinnerung) – nie eine Zusammenfassung als letzter Screen.

Assets, die aus dieser Sitzung wiederverwendbar sind: beide Fallbeispiele, 8 Blitz-Situationen, 11 Quizfragen, Beobachtungsbogen als ausfüllbares Formular.